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Zusätzliche Erinnerungen an Jakob Lorber

Teil 1 – Maria Spinner

Die folgenden zusätzlichen Erinnerungen wurden in "Das Wort 1/1922" veröffentlicht und stammen von Maria Spinner aus dem Grazer Freundeskreis um Antonia Großheim. Der größte Teil ihrer Erinnerungen finden sich wortwörtlich beim Lorber Biographen Leitner. Hier jene Teile (großteils wortwörtlich), die bei Leitner nicht zu finden sind. Frau Spinner erklärte, daß es sich bei den zusätzlichen Erinnerungen um die genauen Worte von Frau Großheim handelt. Leitner hätte diese Ereignisse nicht erwähnt, weil solche Dinge in seiner Zeit nicht geschehen durften.

Antonia Großheim war eine treue Anhängerin Jakob Lorbers, die dem Grazer Freundeskreis mehrere Episoden aus dem Leben Lorbers erzählte, um den Menschen zu vermitteln, wie der gute Vater im Himmel die Seinen beschützt, leitet und führt. Obwohl sie selbst eine arme Witwe mit sechs Kindern war, und sich mit Nähen fortbringen musste, gab sie Jakob Lorber doch stets zu Essen, wenn er wieder einmal den ganzen Tag lang nichts gegessen hatte. Lorber konnte durch Stundengeben und Konzerte schön verdienen, hatte aber nie Geld, weil er so gut war, denn sowie er etwas verdiente, fand sein Geld bei den Armen schnellen Absatz. Frau Großheim hatte aber auch Freunde, und Gottes Hilfe war stets bei ihr.

Da Jakob Lorber ein so großer Musiker war, erhielt er einen Ruf als Kapellmeister nach Triest. Wer war glücklicher als Lorber? Er traf seine Vorbereitungen zur Abreise nach dort. Als alles bereit war, fuhr er in einem Einspänner zur Bahn. Als er am Bahnhof ankam, da war sein rechter Arm ganz steif, er konnte ihn nicht rühren. Da dachte er: "Was für ein Kapellmeister kann ich abgeben, wenn ich einen steifen Arm habe?" Er fuhr also wieder zurück. Aber als er wieder in seinem Zimmer war, da war der Arm wieder gelenkig, und er sagte sich: "Ich fahre morgen; wegen einem Tag wird es nicht gefehlt sein!" Als er dann des anderen Tages wieder am Bahnhof ankam, da war sein rechter Arm so steif wie den Tag zuvor, so dass er ihn nicht biegen konnte. Da merkt er, dass das eine Führung des Herrn sei, fuhr nach Hause, und der Arm war heil und gesund. - Wäre er nach Triest gekommen, so wäre er bei der vielen Arbeit und Aufregung nicht zum Schreiben des Wortes gekommen, und er hätte den Hauptzweck seines Lebens vernachlässigen müssen.

 

So führt der Vater die Seinen. Wer zu einem geistigen Zweck, zu einer geistigen Arbeit bestimmt, von Jugend auf vom Herrn dazu erzogen wird, der darf nichts selbständig tun, sondern muss dem Herrn die Führung überlassen und muss klein sein vor der Welt und unansehnlich; denn groß sein und etwas vorstellen macht eitel und hochmütig. Der Herr hat nur die kleinen, schwachen und unmündigen Kinder lieb. Darum stellte der Herr laut Bibel den Menschen ein Kind vor und sagte: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder so klein, im Denken und Handeln, so könnet ihr nicht ins Himmelreich eingehen!" Warum? Drei Sachen, besser gesagt, Untugenden sind es, welche den Menschen nicht zum Vater kommen lassen: Hochmut, Habsucht und Herrschsucht.

 

Anmerkung: Frau Spinner kann nicht sagen, ob diese Episode vor oder nach der Berufung zum Schreiber geschah. Offenbar hat Jakob Lorber dieses für ihn vielversprechende Stellenangebot nicht so leicht aufgegeben, wie man nach der Biographie von Leitner meinen könnte.

 

Jener Israelite, der Jakob Lorber als Prophet Gottes erkannt hatte, und zu einem guten Freund wurde, hatte das Herz so voll, dass er vor seinen Glaubensgenossen nicht schweigen konnte. Diese hassten ihn darum, dass er abgefallen war. Bald darauf hatten die Juden eine Versammlung, zu der auch er geladen wurde. Dort gaben sie ihm einen Sitz auf einem durchsägten Brett. Er fiel, beschädigte sich innerlich sehr und starb bald darauf. Der Herr wird ihn schon zu sich aufgenommen haben.

 

Als Jakob Lorber mit dem Herrn haderte, weil er - wie so oft - kein Geld hatte, um Heizmaterial zu kaufen, da durfte er auf diese Murrerei ein ganzes Jahr lang nicht schreiben. Da wurde er ganz kleinlaut, warf sich, wie schon so oft, auf die Erde und bat den Herrn, ihm doch zu verzeihen. Als er so recht von Herzen unter Tränen der Reue den Herrn gebeten hatte und jammerte, dass der Herr ihm die Gnade genommen habe zu schreiben, da pochte es an der Tür und ein Bauer lieferte ihm Holz für den Winter, das schon bezahlt war. Durch Nachfragen erfuhr er dann, dass ihm dies sein Freund und Gönner, Bruder Ritter von Leitner gesandt hatte.

 

Dass selbst ein Prophet fehlen und sündigen kann ist doch ganz natürlich; denn die Gottheit zwingt ihn zwar in ihrem allmächtigen Geiste, in jener Zeit seiner Tätigkeit, die Gott von ihm fordert, streng nach Gottes Willen zu schreiben oder zu reden, aber nach der Arbeit ist er wieder in seinem Handeln frei. Dann kann er tun, was er will, also auch sündigen; aber er wird streng gestraft für jeden groben Fehler.

 

Anmerkung: Daß Jakob Lorber aufgrund seines Haderns ein Jahr lang nicht schreiben durfte, wird von Leitner nicht erwähnt. Wahrscheinlich wurde Lorber dies nur vom Herrn zu verstehen gegeben, der daraufhin verstummte, worauf Lorber um Verzeihung bat und dann das Holz geliefert wurde.

 Teil 2 – Großneffe Oberbaurat A. D. in Graz

Die folgenden zusätzlichen Erinnerungen wurden in "Das Wort 3/1932" veröffentlicht und stammen von dem Großneffen Jakob Lorbers, dem Oberbaurat A. D. in Graz, der mit seiner Mutter noch  im Geburtshaus von Jakob Lorber wohnte. Die wesentlichen Teile des Schreibens werden -  neu geordnet - größtenteils wortwörtlich wiedergegeben.

Nach den Nachforschungen des Dr. Michael Lorber (Lorbers Bruder) ist die Familie Lorber altadeliger Herkunft. In meinen Händen befindet sich noch ein von Dr. Michael Lorber selbstangefertigtes Stammbaumblatt, nach welchem unsere Vorfahren von einem gewissen Lauriga v. Lorberau abstammen sollen, welcher im Jahr 1540 wider die Türken stritt. Diese Stammtafel ist allerdings nur von 1540 bis in die vierte Generation, das ist bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, aufgestellt worden. An der östlichen Außenseite der Dominikanerkirche in Graz ist eine Grabinschrift dieses Geschlechts aus dem 17. Jahrhundert noch sehr gut erhalten zu sehen.

Die Vorfahren der Familie Lorber sind aus Bayern ins Wendenland eingewandert und sollen ihres Zeichens Weber gewesen sein. Auch mein Urgroßvater (Jakob Lorbers Vater) betrieb noch die Weberei in unserem Geburtshaus Nr. 4 der Gemeinde Kanischa. Der Hausnamekave“, zu deutsch Weber, erhielt sich noch bis auf meine Mutter und deren Bruder Josef. Aber nicht nur die Weberei, sondern auch der Hebammenberuf wurde von meiner Urgroßmutter und meiner Großmutter (Cäcilia Lorber, eine Schwester Lorbers) erfolgreich ausgeübt. Sie waren weit und breit als sogenannte Wunderdoktorinnen bekannt und begehrt und sind auch behördlicherseits dafür belobt worden. Die Landbevölkerung zeigte sich durch Naturalgaben sehr erkenntlich, was dieser ärmlichen, kinderreichen Kleinbauernfamilie sehr zustatten kam. Die männlichen Familienmitglieder pflegten eifrig Musik und Gesang, insbesondere die sogenannte Altsteirermusik, bestehend aus Harmonika, Zither, Hackbrett, Klarinette, ferner Geige, Kniegeige, Bassgeige, Flöte, Flügelhorn und sogenanntes Bombardon. Nicht nur zu Hause, wo auch ein kleiner Weinausschank geführt wurde, sondern weit und breit wurde zu allerlei festlichen Anlässen aufgespielt.

Meine Urgroßeltern, Jakob Lorbers Eltern, werden sehr schwierige Zeiten, darunter die Franzoseninvasion, mitgemacht haben. Da sie drei Söhne studieren ließen, so mussten sie wohl selbst viel entbehren. Meine Mutter erzählte mir, dass zur Zeit, als in Steiermark wegen Missernte, Kriegsfolgen usw. Hungersnot herrschte, meine Urgroßmutter ihren Söhnen des öfteren nach Graz Lebensmittel nachtrug, die lange, rund 60 km betragende Entfernung an einem Tag zurücklegte und am übernächsten Tag wieder ebenso heimkehrte. Gewiss ein rührender Beweis von Opfermut und Mutterliebe! Die Ferienzeit brachten die Studentlein dann wieder zu Hause in Kanischa fröhlich zu. Damals, in jener noch poetischeren Zeit, reisten viele Studenten durch die Lande, auf Pfarrhöfen, Klöstern, in reichen Bürgershäusern gern gesehen, verköstigt und beherbergt. Deklamieren, Musizieren, und Singen machte sie besonders bei intelligenteren Leuten auf dem Land sehr beliebt. Als Instruktor, bzw. Hofmeister, wie dies damals wohl hieß, erteilten die Studenten gegen Verköstigung und Beherbergung auch während des Studiums den Kindern Begüterter Nachhilfe im Unterricht. Freitische nannte man es wohl auch. Auch Stipendien spielten eine wichtige Rolle im Leben solch armer, strebsamer Leutchen, welche nach viel Entbehrung mit eisernem Fleiß doch ihr Ziel erreichten.

Über Jakob Lorber hat mir meine Mutter eigentümlicherweise nicht viel erzählt. Sie war schon achtzehn Jahre alt, als er starb. Sie hatte vor ihm trotz aller Verehrung eine große Scheu empfunden, vermutlich wegen seines etwas zurückgezogenen Lebens und wohl auch wegen seines mächtigen Vollbartes. Er ermahnte sie oft und sprach vielleicht etwas zu ernst und salbungsvoll zu ihr. Dass er aber ein außergewöhnlich gütiger und barmherziger Mensch war, das hat sie mir wohl oft erzählt. Auch den Umstand vergaß sie nicht zu erzählen, dass er wegen seines eigenartigen Wesens von manchen gehänselt wurde und dass man seine Herzensgüte oft missbrauchte. Aber all dies ertrug er mit unendlicher Geduld und Milde.

Jakob Lorbers Bruder, Dr. Michael Lorber, war politischer Beamter (Kommissär) bei der Kärntner Landesregierung und weilte viel in Greifenburg a. d. Drau. Beim Bau der Drautalbahn in Kärnten war er bei den bezüglichen Verhandlungen mit den Gemeinden usw. tätig. Er erwarb auch das Schloss Porzia in Spital a. d. Drau. Infolge fehlgeschlagener finanzieller Spekulation verlor er jedoch nicht nur sein Vermögen, sondern auch das von seiner Gattin stammende Kapital sowie jenes seines Bruders Jakob, welches letzterer beim Tod des Vaters ererbt hatte. Später kam Michael dann in Graz bei seinem Studienkollegen Dr. Nedwed, Notar in Graz, unter, und zwar als Notariatssubstitut sowie als ständig bevollmächtigter Vertreter dieses Notars. Michaels erste Frau stammte aus der wohlhabenden Grazer Bürgersfamilie Schönwetter. Sie starb in noch jungen Jahren an einem Frauenleiden. Die Tochter Emma starb im Alter von achtzehn Jahren unvermählt infolge einer Verkühlung. Michael Lorber heiratete dann später seine Wirtschafterin, eine Kleinbauerntochter namens Lukner aus der Gegend von Friedau in Südsteiermark. Dort starb er auch auf seinem kleinen Weingut, welches er sich aus den Resten seines Vermögens ankaufte. Kinder sind dieser zweiten Ehe nicht entsprossen.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit hervorheben, dass gewiss auch Michael Lorber ein seelenguter Mensch war, der für seine Verwandten das Möglichste tat. Er hatte nur leider in seinen Unternehmungen Unglück. Die damalige Zeit hatte infolge Umgestaltung der inneren Verhältnisse so manchen Bürger von verhältnismäßigem Wohlstand in dürftige Lage gebracht.

Der zweite Bruder Jakobs, namens Josef, war Lehrer und Posthalter in Greifenburg, welches damals eine viel wichtigere Rolle spielte als heute. Im Ruhestand lebte er auf seinem kleinen Besitz in Baierdorf bei Graz.

Von den Schwestern Jakob Lorbers kann ich berichten, dass die jüngere namens Maria schon in mittleren Jahren starb. Sie hatte drei Kinder: Franziska, Maria und Ernest. Franziska blieb ledig und hatte vier Kinder, wovon Moriz noch heute in Kanischa als Witwer mit seinen drei unvermählten Kindern und Johann in Triest im Kloster Notre Dame de Sion als Gärtner lebt. Franziskas Schwester Maria war ebenfalls in Kanischa verheiratet. Deren Tochter Maria Stuber lebt (1930er) als Witwe in der an Kanischa anstoßenden Gemeinde Getschnitz auf ihrer Besitzung. Franziskas Bruder, P. Ernest, war im Benediktinerstift Admont in Obersteier lange Jahre Küchenchef, Kellermeister, Wirtschaftsinspektor, Jagdverwalter usw. Er starb vor einigen Jahren im Adriaseebadort Cirkvencia.

Die ältere Schwester Jakobs namens Cäcilia (meine Großmutter) war mit einem ebenfalls Lorber heißenden, jedoch nicht verwandten Schneidermeister verheiratet und lebte auf unserem Geburtshaus. Sie hatte zwei Kinder, Josef und Maria. Ersterer hatte auch zwei Kinder Josef und Maria, welche in Graz leben. Cäcilias Tochter Maria (meine Mutter) war mit dem städt. Beamten Anton D. in Graz verheiratet und hatte drei Kinder: Maria vermählte Maierhofer in Wien lebend, Anna vermählte Matzun in Radkersburg (in Steiermark) lebend, und ferner meine Wenigkeit.

Anmerkung: Beide Schwestern Lorbers hatten eine Tochter namens Maria und eine davon könnte  jene mysteriöse Maria Hochegger sein, welche im Verlassenschaftsakt Jakob Lorbers fälschlich als „natürliche Tochter“ und dadurch als Erbin ausgewiesen wird. Das ist aber nur eine Vermutung.

Es ist sehr schade, dass meine Mutter bald nach dem Kriegsende (1918) gezwungen war, das Haus in Kanischa zu verkaufen. Die Gründe für diesen ihr furchtbar schweren Entschluss waren pekuniärer Natur. Vor allem waren schuld die misslichen und schwierigen Verhältnisse, welche sich infolge der Einverleibung dieses vor 100 Jahren noch zum überwiegenden Teil deutschen Sprachen-Grenzgebietes in das neugegründete jugoslawische Königreich für Ausländer ergaben. Krankheit, Alter, missliche Erfahrungen, Geldmangel, Verpflegungsschwierigkeiten, unfreundliche Haltung von Behörde und Bevölkerung – dies alles hat sie schließlich zum Aufgeben ihres teuren Heimatls bewogen.

Die sich auf Jakob Lorber beziehenden Sachen sind schon lange davor von Verwandten der Frau Großheim von Kanischa nach Graz gebracht worden.