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Jakob Lorber
Biographie von Karl Gottfried Ritter von Leitner
Ein Lebensbild nach langjährigem,
persönlichen Umgange. Wortgetreue Abschrift des
Büchleins "Jakob Lorber", 3. Auflage, 1930,
Neu-Salems-Verlag
Die vorliegende Lebensbeschreibung Jakob Lorbers
ist nach Karl Gottfried Ritter von Leitners nachgelassener
Handschrift wortgetreu wiedergegeben. Diese Handschrift wurde von
dem greisen Dichter etwa in dessen 84. Lebensjahre aufgezeichnet.
Sie wurde Leitners Verfügung gemäß nach dessen
Tode der Landesbibliothek am Joanneum in Graz übergeben und
deren Bücherbestande einverleibt, wo sie sich noch jetzt
befindet. Bietigheim, Weihnachten
1930. Neu-Salems-Gesellschaft e. V. Bietigheim, Württemberg
Jakob Lorber, der steiermärkische
Theosoph von Karl Gottfried Ritter v. Leitner
Der merkwürdigste Mann, welchen ich in
meinem ganzen, langen Leben kennengelernt habe, ist Jakob Lorber,
ein Theosoph, der den berühmtesten Männer dieser
Richtung zur Seite gestellt zu werden verdient. Ich will es
nun versuchen, in folgendem einen kurzen, aber auf
verläßlichen Grundlagen beruhenden Abriß
seines äußeren Lebens zu entwerfen und als
vieljähriger Augen- und Ohrenzeuge eine wahrheitsgetreue
Darstellung der außerordentlichen Erscheinungen im Gebiete
seines Seelenlebens beizufügen.
Familie
Die Familie Lorbers findet man schon im 17.
Jahrhundert in den Windischen Büheln der unteren Steiermark,
und zwar die zwei Vettern Kaspar und Paul Lorber schon 1631 als
Insassen auf dem Hügel Gradise, welcher in Urbar der
gräflich Stubenbergschen Herrschaft Mureck "Purgstallberg"
genannt wird. Diese traten ihr Eigentum der Pfarrgemeinde St.
Leonhard zum Bau einer Kapelle ab, welche bald darauf in eine
Wallfahrtskirche zur heiligen Dreifaltigkeit umgestaltet
wurde. Nicht sehr fern von dort, in der am linken Drauufer
mitten in Weinbergen gelegenen Ortschaft Kanischa der Pfarre
Jahring, besaß Lorbers Vater Michael, verehelicht mit Maria
Tautscher, einer Wendin, die beiden Bergholden-Gründe Nr. 4
und 5. Michael Lorber bewirtschaftete diese selbst und bezog
aus den Erträgnissen hauptsächlich die Mittel zum
Unterhalte seiner Familie. Er verstand aber auch, die meisten
musikalischen Instrumente fertig zu spielen und behandelte
insbesondere das Zimbal mit Meisterschaft, so daß ihm
mehrmals die Auszeichnung zuteil wurde, sich vor dem erlauchten
Freunde volkstümlicher Weisen, dem allverehrten Erzherzog
Johann von Österreich, wenn dieser zur Weinlese auf seiner
Besitzung in Pickern verweilte, mit seinem vorzüglichen
Spiele auf diesem Instrumente hören zu lassen. Diese
vielseitige musikalische Geschicklichkeit gab ihm auch
Gelegenheit zu einem willkommenen Nebenerwerbe, welchen er
insbesondere darin fand, daß er sich der damals unter dem
Namen "Schwarzenbacher" in ganz Steiermark und darüber
hinaus wohlbekannten und sehr beliebten Musikergesellschaft
anschloß und deren Produktionen als Kapellmeister
leitete. Ungeachtet ihrer Schlichtheit verkannten die
Lorberschen Eheleute den Wert einer höheren Bildung
mitnichten und scheuten kein Opfer, um ihre Söhne, deren sie
drei hatten, im Streben nach derselben, soweit es ihre Kräfte
gestatteten, werktätig zu unterstützen. Michael, der
Zweitgeborene, erwählte nach Vollendung seiner Studien eine
juridische Laufbahn, zunächst als Herrschaftsverwalter und
dann als Notarssubsitut. Josef, der Jüngste, widmete sich
dem Lehrstande. Und Jakob, der Älteste von ihnen, ist eben
der, dessen denkwürdige Erscheinung die folgenden Blätter
zu schildern versuchen.
Jugendjahre
Jakob Lorber, am 22. Juli 1800 auf dem Heimsitze
seiner Eltern geboren, brachte dort auch die Jahre seiner
Kindheit zu, indem er an deren ländlichen Beschäftigungen
teilnahm. Er war bereits ein Knabe von neun Jahren, als er die
Dorfschule in Jahring zu besuchen begann und dort den ersten
Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen erhielt. Er zeigte
hierbei regen Eifer und überhaupt große Wißbegierde,
nebenbei aber auch schon früh große Vorliebe für
die Musik, in deren Anfängen ihn ursprünglich der Vater
selbst unterrichtete. Eine seltene Befähigung zu diesem
Kunstfache trat eines Tages auffällig hervor, als der Vater
ihn in die nahegelegene Kreisstadt Marburg an der Drau mit sich
nahm und dort im Gasthause "Zum Lamm" einkehrte. Sie
trafen nämlich dort in der Schankstube einen dem Wirte
verwandten blinden Mann, welcher zur Ergötzung der
staunenden Gäste vortrefflich die Harfe spielte. Jakob
wendete diesem Musikkünstler sogleich seine ganze
Aufmerksamkeit zu, setzte sich an dessen Seite, beobachtete jeden
Handgriff des blinden Harfners und vertiefte sich ganz in dessen
Spiel. Von diesem Tage an ließ er nicht nach, beim Vater zu
bitten, ihm auch eine Harfe zu kaufen. Letzterer erfüllte
bald den Wunsch des talentvollen Knaben. Und obwohl dieser kaum
noch ein paarmal Gelegenheit fand, den von ihm bewunderten
blinden Virtuosen zu hören, um ihm die Handhabung seines
Instrumentes abzuspähen, so brachte er es doch durch
ausdauernde fleißige Übung in einiger Zeit dahin, sich
allmählich selbst zu einem tüchtigen Harfenspieler
auszubilden. Der Vater, welcher als Kapellmeister seiner
wandernden Musikgesellschaft oft längere Zeit vom Hause
abwesend war, überließ in der Folge den ferneren
musikalischen Unterricht Jakobs dem Ortsschullehrer Anton Udl.
Dieser unterwies fortan seinen gelehrigen Schüler nach und
nach in der Behandlung verschiedener Instrumente, vorzugsweise
aber im Violin-, Klavier- und Orgelspiel, und erzielte mit ihm
nicht nur hierin erfreuliche Erfolge, sondern bemerkte bald, daß
er ihn seines vorzüglichen musikalischen Gehörs wegen
auch als Gehilfe bei seinem Nebengeschäfte des Stimmens und
Ausbesserns von Orgeln trefflich gebrauchen könne, und er
verwendete ihn daher während längere Zeit nebenher auch
in dieser Weise.
Lernender und Lehrer
So war Lorber zum Jüngling herangewachsen,
und dem unbestimmten Drange nach höherer geistiger
Ausbildung folgend, nahm er im Sommer 1817 von der Heimat
Abschied, um nach der nur etwa zwei Meilen entfernten Stadt
Marburg zu wandern und dort die Vorbereitungsanstalt für
Volksschullehrer zu besuchen. Nachdem er diesen Kurs zur
Zufriedenheit vollendet hatte, trat er zuerst zu St. Egydi als
Lehrergehilfe in den Schuldienst und übersiedelte bald
darauf in gleicher Eigenschaft nach St. Johann im
Saggathale. Hier wendete ihm ein Kaplan der Pfarre, der im
täglichen Verkehre mit ihm dessen ungewöhnliche
Fähigkeiten bemerkt hatte, sein besonderes Wohlwollen zu,
erteilte ihm einigen Unterricht in der lateinischen Sprache und
eifert ihn an, sich dem Priesterstande zu widmen und zu diesem
Zwecke die Studienlaufbahn zu betreten. Diesem Rate Folge
leistend, kehrte Lorber im Herbste 1819 wieder nach Marburg
zurück und ließ sich im dortigen Gymnasium als Schüler
einschreiben. Da er seinen Mitschülern schon im Alter voraus
und von ernsterem Benehmen war, ernannte man ihn bald zum Famulus
der Klasse, als welcher er eine gewisse Aufsicht über die
anderen Studierenden zu pflegen und zugleich gewisse kleine
Verrichtungen in der Schule zu leiten hatte, wofür er
monatlich einen kleine Gebühr bezog. Außerdem spielte
er beim täglichen Schulgottesdienste in der Kirche auch die
Orgel gegen ein mäßiges Honorar und erwarb sich auch
bereits durch Erteilung von Unterricht im Violinspielen, worin er
es in der Zwischenzeit schon zur Fertigkeit gebracht hatte, eine
willkommene Zubuße. Nachdem er auf diese Weise unter
ziemlich befriedigenden Lebensverhältnissen fünf
Gymnasialklassen mit vorzüglichem Fortgange vollendet hatte,
begab er sich, teils um seine Studien fortzusetzen, teils um sich
im Violinspiel noch weiter zu vervollkommnen, im Herbste 1824
nach der Landeshauptstadt Graz und setzte hier seine
Gymnasialstudien als Privatschüler der sechsten Klasse
fort. Allein die Schwierigkeit, in einer großen, ihm
ganz fremden Stadt hinlänglichen Lebensunterhalt zu finden,
sowie der Umstand, daß es ihm erschwert wurde, in seinen
Studien jene hervorragende Stellung, die er unter seinen
Mitschülern bisher eingenommen hatte, auch ferner zu
behaupten, verleidete ihm das weitere Studieren so sehr, daß
er im zweiten Halbjahre das Gymnasium verließ und zunächst
sein Fortkommen als Hauslehrer suchte. Er übernahm eine
solche Hauslehrer-Stelle bei einer sehr achtbaren Privatfamilie
in Graz und unterrichtete deren Kinder fünf Jahre lang zur
vollsten Zufriedenheit in den deutschen Schulgegenständen,
in der Musik und im Zeichnen, worin er sich als Selbstlerner
ebenfalls gewisse Fertigkeit zu eigen gemacht hatte. Allein
bei aller Wertschätzung, die er bei dieser Familie fand,
fühlte er doch das Bedürfnis, sich auch für die
spätere Zukunft eine gesicherte Stellung im Leben zu
gründen. Er besuchte deshalb im Jahre 1829 den höheren
pädagogischen Kurs für Lehrer an Hauptschulen und
erwarb sich bei dieser Bildungsanstalt ein ihn als Lehrer "ganz
und wohl" empfehlendes Schulzeugnis. Als aber 1830 seine
erste Bewerbung um eine Zustellung als Lehrer nicht gleich zum
gewünschten Ziele führte, gab der leicht Entmutigte
diesen Lebensplan wieder, und zwar für immer, auf.
Musiker
Er verlegte sich nun ganz auf die Musik, gab
Unterricht im Gesange sowie im Klavier- und Violinspiel und
komponierte auch einige Lieder und Konzertstücke. - Dadurch
kam er mit dem rühmlichst bekannten Tondichter Anselm
Hüttenbrenner in Verkehr, der als Gutsbesitzer in Graz lebte
und zu jener Zeit dem Steiermärkischen Musikverein als
Direktor vorstand. Dieser verschaffte ihm auch Gelegenheit, in
Konzerten des Musikvereins mit seinem Violinspiele vor dem
Publikum sich hören zu lassen und nahm einige von Lorbers
Kompositionen in das von ihm redigierte Musikalische
Pfennigmagazin auf. Als Paganini 1928 das kunstliebende Wien
mit seinen außerordentlichen Kunstleistungen auf der
Violine in Begeisterung versetzte, eilte auch Lorber dahin, um
dessen bezauberndes Spiel selbst zu hören, und war so
glücklich, ihn persönlich kennenzulernen, ja sogar von
ihm ein paar Stunden des Unterrichts zu erhalten. Von nun an war
für die nächste Periode seines Lebens Paganini das
Ideal, welchem er mit rastlosem Eifer nachstrebte und zu dessen
lithographiertem Bildnis, das er stets in seiner Stube hängen
hatte, er oft mit einer Art von Andacht emporblickte. Aber auch
mit anderen Virtuosen auf seinem Lieblingsinstrumente, der Geige,
kam Lorber um jene Zeit in Berührung. Der Geigenkünstler
Ernst, der nach seinen Produktionen in Wien auch in Graz Konzerte
gegeben und Lorber kennengelernt hatte, stand nachher noch
längere Zeit mit ihm im Briefwechsel. Bieuxtemps besuchte
ihn bei ähnlicher Gelegenheit in seinem bescheidenen
Stübchen, und auch mit seinem Landsmann, dem
Violin-Konzertisten Eduard Jäll, machte und unterhielt er
Bekanntschaft. Allmählich fand Lorbers Violinspiel auch
in den öffentlichen Blättern immer mehr Anerkennung.
Als er im Oktober 1839 im Rittersaale des Landhauses ein Konzert
gegeben und darin den ersten Satz eines Beriotschen Konzertes und
eine von ihm selbst komponierte Bravour-Arie über ein
beliebtes Volkslied vorgetragen hatte, äußerte sich
das damalige Beiblatt zur "Grazer Zeitung", "Der
Aufmerksame", in Nr. 129 über sein Künstlertum in
folgender Weise: "Herr Lorber ist kein Violinist, der sich
in den Schanken irgendeiner Schule bewegt; er ist ganz Autodidakt
(Selbstlehrer). Unstreitig ist er mit mehr als gewöhnlichem
Talente ausgerüstet, und bewunderungswürdig ist die
Kunstfertigkeit, zu welcher Herr Lorber durch den unermüdlichen
Fleiß und eine eigentümliche Anwendung seiner
musikalischen Naturgabe es gebracht hat. Mit Staunen sehen wir
ihn Schwierigkeiten überwinden und selbst Wagstücke
bestehen, an deren Ausführbarkeit wir zweifeln würden,
wenn wir nicht durch Lorbers fast immer siegende Verwegenheit
eines andern belehrt wären. Er belebt mit einem Bogenstrich
120 bis 160 Notenköpfe. Seine Staccatos sind wunderschön.
Und die Triolen, Doppelgriffe, Flageoletts, Pizzicatos mit einer
Hand und sonstige Bravoursätze führt er sehr leicht und
auch oft ziemlich rein aus. Aber indem er sich eben in das
Ungewöhnliche verliert, geschieht es auch zuweilen, daß
die in seinem Spiele sich drängenden Schwierigkeiten in so
phantastischer Überladung angehäuft sind, daß man
vor lauter Schwierigkeiten und Dissonanzen gar nichts anderes zu
hören bekommt und von Ton, Melodie, Ausdruck und folglich
wahrem Genusse des Zuhörers gar keine Rede mehr ist. Das
Studium und die Beharrlichkeit des Herrn Lorber, so
Ungewöhnliches zu Tage zu fördern, verdient allerdings
gerechte Anerkennung. Wieviel williger aber und ungeteilter würde
man ihm den herzlichsten Anteil zuwenden, wenn er sein
bedeutendes Talent statt dem bloß Schweren, dem wahrhaft
Schönen, dem auf die Länge doch allein nur
Lohnbringenden, gewidmet hätte. Die Aufnahme des
Konzertgebers von Seite des Publikums war auszeichnend und dem
Verdienste des Herrn Lorber angemessen." Lorber ließ
sich durch solche wohlmeinende Mahnungen der Kritik nicht
einschüchtern, sondern vielmehr nur zu verdoppeltem Eifer in
seinem Kunststreben anspornen. - Als er zehn Jahre später
bei einem Wohltätigkeitskonzerte mitwirkte und ein Rondo und
eine Mazurka von seiner eigenen Komposition mit seltener Bravour
vorgetragen hatte, konnte das damalige Lokalblatt "Aurora"
(Mai 1849, Nr. 36) zu der verdienten Anerkennung seines Staccatos
und Flageoletts auch bereits die Bemerkung beifügen, daß
Lorber nicht nur in Paganinischen Bogenkünsten enorme
Fortschritte gemacht, sondern sich auch Schönheit und Fülle
des Tones in erfreulicher Weise angeeignet habe. Nach dem von
Anselm Hüttenbrenner verfaßten Konzertbericht wurde
Lorber für seine Darbietungen vom Publikum "stürmisch
gerufen". In der Folge trat er auch mit örtlichen
Zeitschriften in nähere Verbindung und lieferte für
dieselben, vorzugsweise für den damals in Graz erschienenen
"Telegraph", Berichte über Aufführungen von
Opern und Konzerten.
Geistige Bestrebungen
Obwohl Lorber somit in diesem Zeitraume sein
musikalisches Streben als seine Hauptaufgabe betrachtete, so
füllte selbes doch das Bedürfnis seines Inneren nicht
völlig aus. Besonderes Interesse hegte er auch für
die Astronomie. Zwar mangelte ihm, um dieselbe wissenschaftlich
betreiben zu können, eine gründliche Kenntnis der
Mathematik. Aber bei seinem mächtigen Drange nach höherer
Erkenntnis zog ihn doch die hehre Tiefe des gestirnten Himmels
von jeher unwiderstehlich an. Er suchte daher mittels einer
künstlichen Steigerung seines Sehvermögens in die
Geheimnisse des Weltbaues gleichsam mechanisch einzudringen und
verfertige sich dazu selbst einen großen, freilich ziemlich
primitiv geratenen, jedoch ganz brauchbaren Tubus. - Später
war er auch so glücklich, in den Besitz eines guten
Fernrohres von Steinheil zu gelangen. An heiteren
Sommerabenden, oft auch erst spät in sternhellen Nächten,
wanderte er, seinen Tubus an einem Bande zur Seite hängen
habend, mit einem oder dem anderen Freunde vor die Stadt hinaus
und stellte das Instrument auf der freien Fläche des Glacis
oder noch lieber auf der aus der Mitte der Stadt aufragenden
Felsenhöhe des Schloßberges auf. Hier betrachtete er
dann selbst und zeigte auch seinen Begleitern mit immer erneutem
Interesse den narbenvollen Mondball, den Jupiter mit seinen
Trabanten, den Saturn mit seinem Lichtringe, die übrigen
Planeten und den sich wunderbar auftuenden Sternenhimmel von
Myriaden leuchtender Weltkörper, zu welchen sich die
Milchstraße und die Nebelflecke vor dem Objektivglase
seines Tubus in das Unendliche auseinanderbreiteten. Gern
gewährte er den Genuß dieses erhabenden Einblickes in
die Unermeßlichkeit des Weltalls auch jedem
vorüberwandelnden Spaziergänger, der etwa neugierig an
sein Instrument herantrat. Und er empfand stets eine genugtuende
Freude, wenn es der fremde Schaugast dann mit der Miene oder wohl
gar mit einem Worte frommer Bewunderung dankend wieder
verließ. Wie sich auf diese Weise sein Bestreben, in das
großartige Gebiet der materiellen Schöpfung
einzudringen, lebhaft geltend machte, so entwickelte sich
andererseits in ihm allmählich auch das unwiderstehliche
Verlangen, auch den Weg zu den geheimen Schätzen der
geistigen Welt zu finden und müßte er denselben auch
jenseits der Grenzen des gewöhnlichen, allgemeinen
Erkenntnisvermögens aufsuchen. So fühlte er sich
denn auch zur Lektüre von Werken hingezogen, die seiner
tiefen Innerlichkeit entsprachen. Und nun las er, soweit ihm sein
Broterwerb Muße gewährte, manche Werke von Justinus
Kerner, Jung-Stilling, Swedenborg, Jakob Böhme, Johann
Tennhardt und J. Kerning, von denen er insbesondere letzteren als
denjenigen bezeichnete, dessen Schriften ihm wichtige Fingerzeige
gegeben haben. Er machte aber aus solcher Lektüre, die sich
überhaupt nur auf einzelne Schriften der erwähnten
Autoren beschränkte, kein eigentliches Studium, was
überhaupt seine Sache nicht war, sondern legte derlei Werke
wieder beiseite und behielt nur die Bibel immer zu Handen. Aber
auch aus dem Lesen dieser machte er kein tägliches, d.h.
äußerlich gewohnheitsmäßiges, Geschäft,
vielmehr griff er auch nach dem Buche der Bücher nur, wenn
ihn ein äußerer Anlaß oder ein inneren Antrieb
dazu bestimmte. Bei all dieser Hinneigung zur Erforschung der
tiefsten Geheimnisse ernstester Art blieb Lorber aber von aller
Kopfhängerei stets weit entfernt; vielmehr war und blieb er
im täglichen Umgange immer ein heiterer Gesellschafter, nur
daß sich, wie er später mitteilte, um diese Zeit bei
ihm allmählich bedeutungsvolle Träume einstellten, von
denen er die ihm wichtiger scheinenden fortan aufzuschreiben
anfing.
Berufung durch die innere Geistesstimme
Lorber war nun bereits in das vierzigste
Lebensjahr vorgerückt, ohne sich eine feste Stellung im
Leben errungen zu haben. Nun ging ihm aber aus Triest unerwartet
die Einladung zu, unter recht annehmbaren Bedingungen dort eine
zweite Kapellmeisterstelle zu übernehmen. Er ging darauf ein
und traf alle Vorbereitungen zur Abreise. Allein sein Leben
sollte eben jetzt plötzlich eine ganz andere Richtung
nehmen. Er hatte am 15. März 1840 um 6 Uhr morgens - so
erzählte er nachher seinen Freunden - gerade sein
Morgengebet verrichtet und war im Begriffe, sein Bett zu
verlassen, da hörte er links in seiner Brust, an der Stelle
des Herzens, deutlich eine Stimme ertönen, welche ihm
zurief: "Steh' auf, nimm deinen Griffel und schreibe!"
- Er gehorchte diesem geheimnisvollen Rufe sogleich, nahm die
Feder zur Hand und schrieb das ihm innerlich Vorgesagte Wort für
Wort nieder. Es war dies der Eingang des Werkes: "Die
Haushaltung Gottes" oder "Geschichte der Urschöpfung
der Geister- und Sinnenwelt sowie der Urpatriarchen". Und
die ersten Sätze desselben lauteten: "So spricht der
Herr für jedermann, und das ist wahr und getreu und gewiß:
Wer mit mir reden will, der komme zu Mir, und Ich werde ihm die
Antwort in sein Herz legen. Jedoch die Reinen nur, deren Herz
voll Demut ist, sollen den Ton Meiner Stimme vernehmen. Und wer
Mich aller Welt vorzieht, Mich liebt wie eine zarte Braut ihren
Bräutigam, mit dem will Ich Arm in Arm wandeln; er wir Mich
allezeit schauen wie ein Bruder den anderen Bruder, und wie Ich
ihn schaute schon von Ewigkeit her, eher er noch war." Lorber
lehnte nach diesem Ereignisse die ihm angebotene Anstellung
unverzüglich ab und diente dieser geheimnisvollen
Einflüsterung von derselben Stunde an während einer
Reihe von vierundzwanzig Jahren, bis zu seinem Tode, als emsiger
Schreiber, indem er sich demütig einen Knecht des Herrn
nannte.
Der Schreibknecht Gottes
Lorber begann dieses Schreibgeschäft,
welches von nun an die Hauptaufgabe seines Daseins blieb, fast
täglich schon morgens vor dem Frühstück, welches
er in seinem Eifer nicht selten ganz unberührt stehen ließ.
Dabei saß er, meistens mit einer Mütze auf dem Kopfe,
an einem kleinen Tischchen, im Winter knapp neben dem Ofen, und
führte ganz in sich gekehrt, mäßig schnell, aber
ohne je eine Pause des Nachdenkens zu machen oder eine Stelle des
Geschriebenen zu verbessern, ununterbrochen die Feder, wie
jemand, dem von einem andern etwas vorgesagt wird. Zu
wiederholten Malen tat er, wenn er hievon sprach, auch die
Äußerung, er habe während des Vernehmens der ihm
einsagenden Stimme auch die bildliche Anschauung des Gehörten.
Seiner Aussage nach teilte er das innerlich Vernommene aber noch
leichter mit, wenn er es einem andern mündlich kundgeben
konnte. Und in der Tat diktierte er einigen seiner Freunde
einzelne Aufsätze, ja ganze Werke von mehreren hundert
Schriftbogen. Dabei saß er neben dem Schreibenden, ruhig
vor sich hinschauend und nie in seinem Redeflusse stockend oder
irgendeine Satzfügung oder auch nur einen einzelnen Ausdruck
abändernd. Und wenn sein Diktieren durch Zufall auf kürzere
oder längere Zeit, selbst für Tage und Wochen,
unterbrochen wurde, so vermochte er das bisher Geschriebene, ohne
von demselben mehr als etwas die letzten Worte oder Zeilen
nachgelesen zu haben, sogleich im richtigen Zusammenhange
fortzusetzen.
Das lebendige Wort
An einen Freund schrieb Lorber im Jahre 1858
über die in ihm redende Geistesquelle, die er als die Stimme
Jesu Christi, das lebendige Wort Gottes empfand: "Bezüglich
des inneren Wortes, wie man dasselbe vernimmt, kann ich, von mir
selbst sprechend, nur sagen, daß ich des Herrn heiligstes
Wort stets in der Gegend des Herzens wie einen höchst klaren
Gedanken, licht und rein, wie ausgesprochene Worte, vernehme.
Niemand, mir noch so nahe stehend, kann etwas von irgendeiner
Stimme hören. Für mich erklingt diese Gnadenstimme aber
dennoch heller als jeder noch so laute materielle Ton. Das ist
aber nun auch schon alles, was ich Ihnen aus meiner Erfahrung
sagen kann. - Aber es wandte sich jüngste eine dem Herrn
höchst ergebene Frau durch mich an Ihn, und es ward ihr
folgende Antwort zuteil, die ich Ihnen hier wörtlich
mitteile. Sie lautete: 'Das, was nun Mein irdisch sehr
armseliger Knecht tut, sollten eigentlich alle Meine wahren
Bekenner tun können. Denn allen gilt das Evangeliumswort:
'Ihr müsset alle von Gott gelehrt sein! Wen nicht der Vater
ziehet, der kommt nicht zum Sohne!' Das aber besagt soviel als:
Ihr müsset von eurer werktätigen, lebendigen Liebe zu
Mir und daraus zu jedem bedürftigen Nächsten - zur
inneren Weisheit aus Gott gelangen! Denn eines jeden wahre,
werktätige Liebe bin ja eben Ich Selbst gleich also in
seinem Herzen, wie der Sonne lebendiger Strahl wirkend ist in
jedem Tautropfen, in jeder Pflanze und in allem, was die Erde
trägt. Wer Mich sonach wahrhaft über alles aus allen
seinen Kräften liebt, dessen Herz ist auch voll von Meiner
Lebensflamme und deren hellstem Lichte! Daß dadurch
zwischen Mir und dem Mich über alles liebenden Menschen ein
steter und hellster Verkehr entstehen muß, ist ebenso klar,
wie daß ein gesundes Weizenkorn in fruchtbarer Erde unter
dem warmen Sonnenstrahl zur segensreichsten Frucht emporwachsen
muß. - Daß dieses aber mit den Menschen durch
Erfüllung der im Evangelium gestellten Bedingungen wirklich
möglich ist, dafür steht dieser Mein Knecht als ein
Zeuge vor dir! - Aber das sage Ich dir auch: Mit einer bloßen
Verehrung und noch so tief andächtigen Bewunderung Meiner
göttlichen Vollkommenheit ist's da nichts! Solcher
sogenannter frommer Christen gibt es eine Menge in der Welt, und
doch erreichen sie wenig oder nichts. - Alles aber liegt an dem,
daß jemand, der zu Meinem lebendigen Worte in sich gelangen
will, vollkommen ein Täter Meines Wortes ist. - Dies zur
Darnachachtung für dich und jedermann!' Hier,
lieber Freund, haben Sie Ihre Frage so erschöpfend als
möglich beantwortet. Und es wäre vermessen von mir
armem Sünder, Ihnen noch ein mehreres darüber zu sagen.
Jakob Lorber."
Weltliche Unterbrechung
Nachdem Lorber mit diesem Schreibgeschäfte
und dem Unterrichtgeben in der Musik vier Jahre zugebracht hatte,
erhielt er im Jahre 1844 von seinen beiden Brüdern, welche
sich damals, der eine als Herrschaftsverwalter, der andere als
Postmeister zu Greifenburg, in Oberkärnten aufhielten, die
Einladung, zu ihnen zu kommen und ihnen bei der Besorgung einiger
Privatgeschäfte behilflich zu sein. Da ihm die Fristung
seiner Existenz in Graz, wo die Zahl der Musikmeister immer mehr
zunahm, mit jedem Jahre schwieriger wurde, so entschloß er
sich, diesen Antrag anzunehmen und verabschiedete sich von seinem
bisherigen Wohnorte und seinen dortigen Freunden. Er widmete
sich nun der Durchführung der ihm von seinen Brüdern
übertragenen Geschäfte, welche in der Beaufsichtigung
einer von ihnen übernommenen Holzlieferung bestanden und ihm
mitunter zu größeren und kleineren Reisen Veranlassung
gaben. Diese führten ihn damals auch nach Innsbruck, Bozen
und bis nach Mailand, wo er im Theater della Scala ein beifällig
aufgenommenes Violinkonzert gab. In letzterer Stadt fand er auch
Gelegenheit, eine vorzüglich gute Geige käuflich an
sich zu bringen, die ihm als eine Stradivari angepriesen worden
war und jedenfalls sich als ein vortreffliches Instrument
bewährte, das ihm in der Folge sehr gute Dienste
leistete. Während seines Verweilens in Oberkärnten
bestieg er dort mehrere Hochgebirge, darunter auch den
Großglockner, und nahm Skizzen dieser großartigen
Gebirgsansichten mit dem Bleistifte auf, welche er später in
Graz mit schwarzer Kreide ausführte; und wenn man an die
Perspektive nicht strenge Forderungen stellte, so konnte man
allerdings anerkennen, daß er auch zur Zeichenkunst, in
welcher er nie Unterricht genossen hatte, nicht ohne Naturanlage
war.
Rückkehr nach Graz zum geistigen Berufe
Im Jahre 1846 kehrte Jakob Lorber, nachdem er
seine Aufgabe in Oberkärnten gelöst hatte, wieder nach
Graz und zu seinen früheren Verrichtungen zurück, die
er nun durch mehr als ein Jahrzehnt emsig fortsetzte. Erst im
Jahre 1857 entfernte er sich von dort noch einmal für einige
Monate, indem er sich mit zwei vorzüglichen Meistern im
Harfen- und Gitarrespiel verband und mit ihnen auf einer
Rundreise in den Hauptstädten der österreichischen
Kronländer Konzerte gab, bei welcher er sich auf seinem
Lieblingsinstrumente, der Violine, produzierte. Bei seiner
Rückkehr nach Graz nahm er seine Tätigkeit als
Musiklehrer wieder auf, bleib aber auch mit seinen bisherigen
Reisegefährten noch eine Zeitlang in Verbindung und gab mit
ihnen bei Veranstaltungen an öffentlichen Orten noch
zeitweilig Musikproduktionen, die vom Publikum stets mit Beifall
aufgenommen wurden. Indem Lorber auf solche Art sowohl auf
seiner Rundreise in öffentlichen Konzertsälen oder auch
später in der Heimat an verschiedenen Unterhaltungsorten
gleichsam berufsmäßig als ausübender Musiker
auftrat, verfolgte er dabei zweierlei Zwecke. Er wollte dadurch
nämlich einerseits einen lohnenderen Erwerb erzielen, als
sich bei dem mühsamen und dennoch spärlichen Verdienste
durch Stundengeben erreichen ließ, andererseits aber
gedachte er auch, gewisse Späherblicke, von welchen er sich
wegen seines geheimnisvollen Schreibens mißtrauisch und
mißgünstig beobachtet glaubte, von diesem ab und mehr
auf seine musikalische Berufstätigkeit hinzulenken.
Nichtsdestoweniger fühlte er sich aber doch bei seinem
Broterwerbe, wiewohl er mit seinen Gefährten stets nur auf
einer erhöhten und reichbeleuchteten Bühne spielte,
immerhin etwas gedrückt. Und es ist charakteristisch für
seine Denkweise, daß er mehrmals äußerte: Gott
habe ihn wohl in diese Lage versetzt, um seinen Künstlerstolz,
der sich manchmal in ihm geregt habe, dadurch zu demütigen. Zudem
nahm er bald wahr, daß er durch diese Nebenbeschäftigung,
wenn er gleich den Vormittag größtenteils am
Schreibtische zubrachte, doch allzusehr zerstreut und von dem,
was er längst als seinen eigentlichen Lebensberuf anzusehen
gewohnt war, zu sehr abgezogen werde. Er gab dieselbe daher bald
wieder ganz auf und begnügte sich damit, seinen Unterhalt
sich fortan lediglich durch Musikunterricht und mitunter auch
durch Klavierstimmen zu verschaffen. Freilich konnte dieser
Verdienst, wenngleich Lorbers Bedürfnisse überaus
bescheiden waren, doch in den späteren Jahren, als er zu den
damit verbundenen vielen und oft weiten Gängen schon zu
gebrechlich geworden war, nicht mehr ausreichen, und da halfen
dann freiwillig dargebotene Freundesgaben wohlwollend nach.
Reiche Ernte
In den nun folgenden Jahren war er wieder emsig
mit dem Niederschreiben des ihm gewordenen Einsagens beschäftigt,
verzugsweise mit der Aufzeichnung seines später in zehn
Bänden veröffentlichten bedeutendsten Werkes, des
"Großen Evangeliums Johannis", einiger nebenher
erhaltenen Erklärungen von schwierigen Bibelstellen und von
bedeutungsvollen Träumen und einzelnen Mitteilungen über
verschiedene Angelegenheiten seiner Freunde. Außer dem
zehnbändigen "Großen Evangelium Johannis"
(1851-64) entstand so unter Lorbers Feder eine stattliche Reihe
zum Teile mehrbändiger Werke - schon rein äußerlich
der Zahl und dem Umfange nach ein Zeugnis der erstaunlichsten
geistigen Fruchtbarkeit! Erwähnt sei hier: Die
Haushaltung Gottes (3 Bde., 1840-1844); Der Mond (1841); Der
Saturn (1 Bd. 1841/42); Die Fliege, Der Großglockner, Die
natürliche Sonne (1842); Die geistige Sonne (2 Bde.,
1842/43); Schrifttexterklärungen (1843); Die Jugend Jesu (1
Bd., 1843/44); Der Briefwechsel Jesu mit Abgarus, Der
Laodizäerbrief des Apostel Paulus (1844); Die Erde (1 Bd.,
1846/47), Bischof Martin (1 Bd., 1847/48); Robert Blum (2 Bde.,
1848/51); Dreitagesszene (1859/60).
Lebensabschluß
Nachdem Jakob Lorber in dieser emsigen Weise das
sechzigste Lebensjahr überschritten hatte, begannen seine
körperlichen Kräfte, während die geistigen in
ungeschwächter Tätigkeit fortwirkten, allmählich,
wenn auch für seine Umgebung kaum merkbar, zu sinken. In den
beiden letzten Jahren vor seinem Hinscheiden äußerte
er immer häufiger Todesahnungen, achtete aber auf dieses
Gefühl seiner Hinfälligkeit nicht und setzte seine
gewohnte Lebensweise unverändert fort. Nur bemerkten seine
Freunde an ihm eine erhöhte Reizbarkeit, das allmähliche
Erlöschen seiner früheren, oft hinreißenden
Heiterkeit und das Vorwalten einer sehr ernsten
Seelenstimmung. Seit dem Beginne des Jahres 1864 äußerte
Lorber aber mit fester Überzeugung geradezu, er werde das
Jahr 1865 nicht erleben. Bald darauf erkrankte er wirklich und
mußte fortan drei Monate lang das Bett hüten. War
er vorher manchmal verdrossen und brach er manchmal auch über
die Unsicherheit seiner Lebensverhältnisse in bittere Worte
aus, so war er jetzt ein Muster von Geduld und frommer Ergebung.
Und klagte er schon manchmal noch, so war es nun weniger eine
Klage über seine eigenen Beschwerden, als über das
allgemeine Schicksal der Menschheit. Dabei wiederholte er mit
Humor gern einige Verse, die er einmal an einer Gartenmauer
angeschrieben gefunden und im Gedächtnis behalten hatte:
Die Sonne geht auf und geht unter. Und alles, was Tier heißt,
ist munter. Der Mensch nur, der Mensch ganz allein empfindet
des Lebens Mühe und Pein.
Aber auch während er auf das Krankenlager
hingestreckt lag, blieb er immer noch fähig, einem oder dem
andern seiner jungen Freund von Zeit zu Zeit manches Tiefsinnige
in die Feder zu diktieren. Beim Eintritte des Frühlings
erholter er sich auch wieder allmählich, und man konnte
wieder auf seine vollkommene Genesung hoffen, zumal er wieder
sein Zimmer zu verlassen und sich im Freien zu ergehen vermochte.
Er begann auch wieder in seine gewohnte Lebensweise einzulenken,
erlangte aber nicht mehr seinen vorigen Gesundheitszustand, blieb
vielmehr fortan schwach und behauptete immer entschiedener das
Herannahen des Endes seiner irdischen Wanderschaft.
Heimgang
Zwei Tage ehe dieses wirklich eintrat, befand er
sich noch in einem Privathause, das er manchmal besuchte. Und die
Hausfrau bereitete ihm ein Gericht, das für ihn eine
Lieblingsspeise war. Er ließ es sich behaglich munden und
sagte dann: "Das war sehr gut, aber in zwei Tagen lebe ich
nicht mehr". Man suchte ihm dies aus dem Sinn zu bringen,
aber er blieb bei seiner Behauptung, die sich auch tatsächlich
bewahrheitete. Schon am nächsten Tage, als er nach seiner
Mahlzeit nach Hause ging, befiel ihn auf der Straße ein
plötzlicher Blutauswurf, den er aber doch so wenig ernst
nahm, daß er abends noch seine gewöhnliche
Gesellschaft besuchte. Aber schon auf dem Heimwege überfiel
ihn neuerlich ein heftiges Blutbrechen, das nicht mehr aufhörte,
zumal Lorber bei seiner Heimkunft, um die Nachtruhe seiner
Umgebung nicht zu stören, von dieser keine Hilfe in Anspruch
nahm. Am Morgen darauf fand man ihn angekleidet, mit dem
Gesichte gegen die Wand gekehrt, im Bette liegen und das Bettzeug
mit Blut bedeckt. Ein aus der Nähe herbeigeholter Arzt
flößte ihm ein Medikament ein, erklärte aber jede
menschliche Hilfe bereits für vergeblich. Man schickte
nun eilends in die nächste Pfarre, worauf bald ein Priester
am Schmerzenslager des schwer Leidenden erschien. Da dieser aber
bereits teilnahmslos dahinlag, fragte der Geistliche eine zur
Pflege anwesende Anverwandte, ob Lorber wohl die Kirche besucht
habe. Diese erwiderte darauf, daß dies wohl ohnehin bekannt
sein müsse, da Lorber ja bei Hochämtern sogar oft auf
dem Musikchore uneigennützig selbst mitgewirkt habe. Hierauf
fragte der Geistliche die Verwandte noch ernstlich, ob sie es auf
ihr Gewissen nehme, wenn er den Sterbenden mit den Sakramenten
versehe. Nachdem sie dies unbedenklich bejaht hatte, verrichtete
der Priester ohne weiteren Anstand sein kirchliches Amt und
entfernte sich dann wieder. Inzwischen hatte man den intimsten
Freunden Lorbers die plötzlich eingetretene Gefahr seines
nahen Ablebens melden lassen; aber ein heftiger Gewittersturm,
welcher eben mit allem Ungestüm losgebrochen war, verzögerte
etwas das Eintreffen der Herbeigerufenen. Lorber, welcher sich
wieder etwas erholt hatte, ließ nun seine Lage im Bette
verändern, indem er, der zehn Jahre lang mit den Füßen
gegen Westen gekehrt der Nachtruhe gepflogen, sich in der Art
betten ließ, daß nun sein Scheitel nach dieser
Weltgegend gerichtet und sein Angesicht dem Sonnenaufgange
zugewendet war. Inzwischen waren die Freunde bei strömendem
Regen herbeigeeilt, und unter ihnen auch sein befreundeter
Hausarzt; aber Lorber vermochte das von ihm angeordnete
Heilmittel nicht mehr zu nehmen. Er lag nun einige Zeit im
Schmerze dahin, dann begann er plötzlich sich, wie ein
Soldat, der sich richtet, gewaltig zu strecken, nahm eine
wagrechte Rückenlage ein und das Angesicht dem
Sonnenaufgange zugekehrt wurde er, während der Aufruhr der
Natur außen mit Blitzen und Donnerschlägen tobte,
vollkommen ruhig. - Jetzt trat die Agonie ein, und nach etwa
einer Viertelstunde war der Knecht Gottes sanft entschlummert und
sein längst einer höheren Welt angehöriger Geist
in die ewige Heimat zurückgekehrt (24. August 1864). Seine
entseelte Hülle wurde unter zahlreicher Begleitung, die in
dem Verblichenen freilich mehr dem vielbekannten Violinvirtuosen
als dem ihnen fast unbekannten Theosophen die letzte Ehre
erweisen wollte, auf dem Friedhofe zu St. Leonhard bei Graz zur
Ruhe gelegt. Einer seiner Freunde bezeichnete die Stätte,
wo Lorbers Erdenhülle nun ruht, mit einem einfachen
Denksteine, in dessen Vorderseite Name, Geburts- und Sterbetag
des Hinübergegangenen sowie die tröstlichen Worte, die
Paulus im achten Verse des 14. Kapitels einst an die Römer
schrieb, eingemeißelt sind. In der Folge brachten dann
mehrere Lorberfreunde das Eigentum dieser Grabstelle für
immer an sich und ließen zu beiden Seiten des
Gedächtnismales je eine Thuja pflanzen, deren deutscher Name
"Baum des Lebens" bedeutungsvoll an die lebenweckende
Sendung des seltenen Geistes erinnert, der hier sein Irdisches
der Erde wiedererstattet hat.
Lorbers äußeres Wesen
Lorbers Äußeres entsprach keineswegs
der Vorstellung, die sich etwa ein Kenner seiner übersinnlichen
Schriften von ihm machen mochte. Er war vielmehr das Gegenteil
eines im Hinblicke auf die Schriften etwa vermuteten ätherisches
Wesens. Seine mehr als mittelgroße und gedrungene Gestalt
hatte sogar eine gewisse Derbheit an sich. Der Kopf war ziemlich
groß, die Stirne hoch und breit, die Lippen voll, alle
Gesichtsformen sanft abgerundet, die Miene freundlich und die
graublauen Augen von einer wohlwollenden Milde beseelt. Das
braune Haar trug er gescheitelt auf den Nacken herabfallend und
auf dem Kinne einen gleichfarbigen, in den letzten Jahren seines
Lebens ergrauenden Vollbart. Wenn er sich mit seiner geliebten
Violine produzierte, erschien er in tadellosem schwarzen Anzuge,
für gewöhnlich aber vernachlässigte er sich in der
Kleidung. Und wenn dieser unscheinbare Mann mit langsamem, etwas
schwerfälligem Gange die Straße einherschritt, ahnte
wohl niemand in ihm den Mittler jener geheimnisvollen
Kundgebungen, die schon Tausende von Druckseiten füllten und
in mehreren, auch weit entfernten Ländern eine Schar
begeisterter Anhänger hatte. Lorber benahm sich im
Umgange sehr bescheiden, für unsere gern ein erhöhtes
Selbstbewußtsein zur Schau tragende Zeit sogar zu demütig;
jedoch war er selbst noch während der Zeit, da er sein
ernstes Schreibgeschäft betrieb, ein guter Gesellschafter.
Wenn er sein Tagewerk vollendet hatte, liebte er es, den Abend in
der Gesellschaft von Befreundeten bei einem Glase heimischen
Weines heiter zu verbringen. Drehte sich das Gespräch um
weltliche Dinge, so erzählte er oft die drolligsten
Erlebnisse und Anekdoten, so daß sich die lachenden Zuhörer
dabei auf das beste unterhielten. Nahm das Gespräch aber bei
der Anwesenheit von Gleichgesinnten eine ernstere Wendung, so war
bald der tiefste Ernst und eine wahrhaft überirdische Ruhe
über ihn verbreitet und die tiefsinnigsten und erhabensten
Lehren und Ideen entströmten seinen beredten Lippen, so daß
dabei die gespannt aufmerkenden Hörer nicht selten ein
heiliger Schauer überkam. Sagte ihm jedoch die Gesellschaft
in keiner Weise zu, so konnte er stundenlang, ohne ein Wort zu
sprechen, teilnahmslos dasitzen. Manchmal geschah es wohl
auch, daß sich Uneingeweihte, die von seinem mysteriösen
Schreiben nur obenhin munkeln gehört hatten, der
Abendgesellschaft seiner Freunde unliebsam beigesellten und ihn
durch allerlei Sticheleien zu hänseln suchten. In solchen
Fällen ließ er die Neckereien meistens unbeachtet
fallen oder er wies den Spötter - wie einen, der ihn einmal
fragte: "Was gibt es Neues, Lorber? Sie sind ja unseres
Herrgotts Kanzlist!?" - mit solchem Ernste in Blick und Ton
zurecht, daß jenem für die Zukunft ganz die Lust
verging, ihn seines frommen Geheimschreiberdienstes wegen wieder
zu verhöhnen.
Lorbers geistige Schreibweise
Nachdem ich nun versucht habe, den äußeren
Lebenslauf Jakob Lorbers nach seinen Hauptumrissen zu schildern
und ein möglichst ähnliches Bild seiner Persönlichkeit
zu entwerfen, fühle ich mich noch im Gewissen verpflichtet,
der strengen Wahrheit gemäß beizufügen, was ich
von den außerordentlichen geistigen Zuständen, in
denen er vierundzwanzig Jahre lebte und wirkte, selbst
miterlebt habe und was ihn als eines der merkwürdigsten
und höchst begabten Medien - wie den Vermittler eines
Verkehres mit außerirdischen Intelligenzen zu bezeichnen,
jetzt längst allgemein üblich geworden ist - unleugbar
darstellt, und zwar schon vor fast vierzig Jahren, und somit zu
einer Zeit, wo noch niemand an die Möglichkeit eines solchen
Verkehres glaubte und noch weniger jemand von dem tatsächlichen
und sogar häufigen Vorhandensein derartig veranlagter
Individuen eine Ahnung hatte, was in unseren Tagen schon durch
Tausende von vertrauenswürdigen Zeugen unumstößlich
bewährt ist. Es ist bereits früher erzählt
worden, daß Lorber am Morgen des 15. März 1840 durch
eine innerlich vernehmbare Stimme berufen wurde, ihr fortan als
Schreiber zu dienen. Schon am 19. und 20. März darauf
begegnete mir Lorber abends auf dem mondhellen Hauptplatze zu
Graz und sagte nach freundlichem Gruße zu mir: "Hören
Sie! Ich bekomme eine Offenbarung!" Ich war damals, wie
man natürlich finden wird, um den Verstand des armen, neuen
Propheten besorgt. Allein da ich ihn seiner tiefen Innerlichkeit
wegen von jeher geachtet hatte, so nahm ich sein Anerbieten, mir
seine "Phantastereien", wofür ich sein Schreiben
ansah, nächstens bringen zu wollen, recht gerne an. Und
schon an einem der nächsten Tage brachte er mir ein
Quartblatt und drei halbe Bogen, auf welchen alles von ihm bis
dahin Geschriebene bis zum Schlusse des 12. Absatzes des fünften
Kapitels der "Urschöpfung der Geister- und Sinnenwelt"
enthalten war. Die Schrift war von seiner Hand zwar mitunter
unorthographisch, aber sonst rein und ohne alle
Stilverbesserung. Schon während Lorber mir die ersten
Schriftseiten, welche Belehrungen und Ermahnungen enthielten,
vorlas, machte die Einfachheit, Bedeutsamkeit und teilweise
Erhabenheit dieser aphoristischen Sätze einen ungewöhnlichen
Eindruck auf mich und bestimmte mich, dieser merkwürdigen
Erscheinung auch ferner meine volle Aufmerksamkeit
zuzuwenden. Schon am 25. März fand ich mich bei Lorber,
der damals ein nach rückwärts gelegenes kleines Zimmer
im ersten Stockwerke des Gasthauses "Zum weißen Kreuz"
in der sogenannten "Neuen Welt" bewohnte, persönlich
ein, um auf seine Einladung hin selbst Zeuge seiner
Schreibhandlung zu sein. Bald nach mir erschien dort auch mein
Freund, der Tondichter Anselm Hüttenbrenner, welcher von
Lorber zuerst in sein Geheimnis eingeweiht worden war und der von
dem bisher Geschriebenen bereits für sich eine Abschrift
gemacht hatte. Lorber, welchen wir schon beim Schreiben
antrafen, setzte nun in unserer Gegenwart seine Arbeit ruhig
fort, mäßig schnell, aber ohne auszusetzen und ohne
ein Buch vor sich zu haben, ganz nur in sich gekehrt. Als er
den 33. Absatz des fünften Kapitels des schon erwähnten
Werkes vollendet hatte, legte er die Feder weg, nahm die Mütze
vom Haupte und sagte halblaut: "Deo gratias!" - Hierauf
las er uns das Geschriebene anfangs gleichmütig vor, als er
aber in der Abteilung 22 zu der Stelle kam: "Diese Träne
floß aus dem Herzen der Gottheit und hieß, heißt
und wird immer heißen: Die Erbarmung", brach er in
Tränen aus und vermochte das folgende vor Erschütterung
nur mit Unterbrechungen zu lesen, so daß auch wir dadurch
tief gerührt wurden. Ich besuchte Lorber nun längere
Zeit hindurch fast an jedem Tage, so oft er schrieb, und war
jeweils ein bis zwei Stunden lang Zeuge seiner geheimnisvollen
Beschäftigung, wobei sich Szenen seiner tiefsten
Ergriffenheit, wie die eben geschilderte, wiederholt ergaben und
er einmal nach Beendigung des neunten Kapitels unter rollenden
Tränen ausrief: "Und da sollte man den Herrn nicht
lieben?!"
Beweise geistiger Eingebung
Bei diesem seltsamen Schreibgeschäfte
ereignete es sich auch, daß Lorber das von ihm
Niedergeschriebene selbst unrichtig auffaßte oder ein
einzelnes Wort darin nicht verstand. So geschah es am 26. Mai
1840. Er hatte damals über die Anfrage eines Freundes, wie
man die Propheten lesen solle, eine kurze Belehrung zu Papier
gebracht, welche dahin lautete, man müsse dazu ein starkes
Vergrößerungsglas nehmen. Wir, seine Freunde,
vermochten aber uns diese offenbar symbolische Rede nicht gehörig
auszulegen. Lorber meinte sofort, unter diesem Vergrößerungsglase
habe man die Gnade Gottes zu verstehen. Wir wendeten ihm darauf
ein, der Mensch könne sich diese ja nicht, wie es hier
angeordnet werde, eigenmächtig selbst nehmen, auch werde die
Gnade später noch im besonderen erwähnt. Er blieb aber
fest bei seiner Behauptung und versetzte, der Mensch könne
ja die Gnade Gottes verdienen, und daher hänge die Erwerbung
derselben allerdings von ihm selbst ab. Darauf gingen wir
auseinander. Des nächsten Tages aber teilte mir Lorber mit,
er habe in Bezug auf unser gestriges Gespräch angefragt und
in der bekannten Weise wörtlich folgende Eröffnung
erhalten: "Daß Meine Rede die andern nicht verstanden
habe, ist nicht zu wundern, wohl aber, daß auch du sie
nicht verstanden hast! Jenes Vergrößerungsglas ist die
Demut, deren Begriff viel weiter ist, als ihr ihn gewöhnlich
nehmt. Sie ist es, die das eigene Ich ganz klein, alles, was
außer ihm ist, aber groß erscheinen macht." Hierher
gehört auch ein Vorkommnis vom 14. Juni 1840. Ich verweilte
damals wieder einige Zeitlang bei Lorber, während er an
einem in dem schon erwähnten Werke "Geschichte der
Urschöpfung" enthaltenen Reimgedichte zu schreiben
fortfuhr. Nachdem er dessen zehnte Strophe (Kap. 32, Vers 6)
vollendet hatte, wandte er sich zu mir und sagte: "Jetzt
habe ich ein Wort niederschreiben müssen, das ich wahrhaftig
selbst nicht verstehe. Was heißt denn das: 'Verjahen'? -
Dabei reichte er mir das beschriebene Blatt zur Einsichtnahme
hin, und ich sah, daß der Schluß dieser Stanze
lautete: "Würdet ihr dann wohl auch Meiner großen
Liebe nahen? Nein, sag' Ich; in alle Zweifel würd't ihr
euch verjahen!" Ich erinnerte mich wohl, dem Worte schon
im Alt- oder Mittelhochdeutschen begegnet zu sein, wußte
aber über dessen Begriff nicht augenblicklich Bescheid zu
geben. Nachdem ich in den folgenden Tagen mehrere Wörterbücher
zu Rate gezogen hatte, fand ich endlich in Wolf-Ziemanns
Mittelhochdeutschem Wörterbuche, Leipzig 1838, die Wörter
"jach", "jahen", dann die weitere Wortform:
"gach", "gahen" und endlich auf Seite 544
"vergahen" mit der Bedeutung "sich zum Schaden
eilen, übereilen", welche für den vorliegenden
Fall ganz paßte, indem der Schlußsatz dann so viel
sagen würde, als: "In alle Zweifel würdet ihr euch
jäh (gach) stürzen". Ober in der noch
gebräuchlichen Volkssprache: "vergachen". - Diese
Auslegung mag übrigens die richtige sein oder nicht, so
liefert das Gesagte doch den besten Beweis, daß Lorber bei
seinem Schreiben nicht seiner eigenen, sondern einer fremden
Intelligenz Folge geleistet hat. Einen noch schlagenderen, ja
unwiderlegbaren Beweis dafür lieferte folgendes Ereignis: Am
25. Juni 1844 gab mir Anselm Hüttenbrenner einen Aufsatz
Lorbers zu lesen, welchen dieser zwei Tage vorher
niedergeschrieben hatte. Es wurde darin kundgetan, daß
Schelling, Steffens und Gustav A. berufen oder vielmehr
auserwählt seien, um unter den Protestanten die Gemüter
auf das Erscheinen dieser neuen theosophischen Schriften
vorzubereiten. Zur Bestätigung dessen waren darin zwei
Stellen aus dem Werke Steffens': "Die falsche Theologie und
der wahre Glaube" mit genauer Angabe der bezüglichen
Seitenzahlen wörtlich angeführt. - Weder Anselm
Hüttenbrenner noch Lorber hatten bis dahin Steffens auch nur
dem Namen nach gekannt. Lorber war daher hoch erfreut, als ihm
jener, welcher inzwischen im Konversationslexikon von Brockhaus
nachgeschlagen hatte, die Mitteilung machte, es gebe wirklich
einen Schriftsteller dieses Namens, und dieser habe wirklich ein
Werk mit dem angeführten Titel im Drucke erscheinen
lassen. Da ich dieses Werk des mir übrigens wohlbekannten
Autors ebenfalls nicht kannte, so machte ich sogleich darauf
Bestellungen bei der Universitätsbuchhandlung, welche es mir
am 24. Juni einhändigte. Ich übergab es noch am Abende
desselben Tages an Anselm Hüttenbrenner und verfügte
mich des nächsten Morgens zu ihm, um zu erfahren, welches
Ergebnis sich bei der zwischenweiligen Vergleichung der Texte in
Druck und Schrift ergeben habe. Hüttenbrenner hatte bereits
die von Lorber mit Hinweisung auf die Seiten 5 und 6 angedeutete
Stelle im Buche aufgefunden, und ich überzeugte mich selbst,
daß sie mit jener in Lorbers Manuskript angeführten
wörtlich übereinstimmte, nur daß in letzterem ein
paar Wortversetzungen vorkamen. Die übrigen von Lorber
angegebenen Stellen, welche auf den Seiten 109, 129 und 136 des
Buches angetroffen werden sollten, hatte Hüttenbrenner darin
nicht aufgefunden. Und auch bei einer von ihm und mir nun
gemeinschaftlich wiederholten Suche vermochten wir dort nichts zu
entdecken, was mit dem Texte in Lorbers Schrift von Wort zu Wort
übereingestimmt hätte, wohl aber trafen wir dort auf
Stellen, welche den nämlichen Geist atmeten, in welchem
Lorbers Anführungen geschrieben waren. Es bleibt aber bei
dem Umstande, da uns nur die zweite Auflage dieses Werkes zur
Hand war, doch noch immer die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen, daß sich vielleicht in dessen erster
Auflage auch diese Stellen wörtlich vorfinden. Jedenfalls
beweist die wörtliche Übereinstimmung der auf den
Seiten 5 und 6 wirklich im Drucke vorgefundenen Stelle mit jener
in der Handschrift Lorbers, daß er sie unter dem Einflusse
einer andern Intelligenz als der seinen niedergeschrieben hat -
was freilich allen jenen unbegreiflich, ja als Humbug erscheinen
muß, welche diesem Beweise menschlicher
Erfahrungswissenschaft hartnäckig Ohr und Augen
verschließen.
Natur-Evangelien
Anfangs hatte Lorber das, was ihm die innere
Stimme mitteilte, stillschweigend niedergeschrieben. Bald begann
er aber, das innerlich Vernommene unmittelbar nachzusprechen. Am
25. Juni 1840 teilte mir Anselm Hüttenbrenner nämlich
mit, wir sollten nach Weisung der inneren Ansprache Lorbers durch
diesen einen Felsen befragen. Des nächsten Morgens um 8
Uhr fanden wir beide uns samt noch ein paar Eingeweihten mit
Lorber auf dem Schloßberge in Graz ein und wählten zu
dem erwähnten Zwecke den hinter dem Winzerhause
aufsteigenden Fels, auf dessen Höhe die Westseite des
Gebäudes steht, auf welchem damals die Feuerlärmkanonen
ihren Standort hatten. Lorber stellte sich dem Felsen gegenüber
und diktierte uns, die wir ihm alle nachschrieben, etwa eine
Viertelstunde lang. Dann wurden wir durch eine zufällige
Störung veranlaßt, diese Stelle zu verlassen und unser
Geschäft in meiner Wohnung fortzusetzen. Lorber hatte,
während wir auf dem Berge waren, seinen Blick auf den
bezeichneten Fels gerichtet; in meiner Wohnung aber sah er wie
träumend vor sich hin und diktierte da ohne Unterbrechung
und nur selten ein Wort verbessernd mit ziemlich mäßiger
Schnelligkeit, so daß ein gewandter Schreiber ihm wohl mit
dem Stifte folgen konnte. Nur manchmal beschleunigte er etwas
seine Rede. Diese enthielt eine kurze Geschichte der Schöpfung
und Entwicklung der Erde, der Erhebung der Berge und insbesondere
des bezeichneten Felsen, sowie der Urbewohner des Landes. Als wir
gegen 12 Uhr mittags damit zum Schlusse gelangt waren, gestand
uns Lorber, er sei anfangs etwas in Besorgnis darüber
gewesen, ob dieser Versuch wohl gelingen werde, aber seine innere
Stimme habe ihn immer von neuem ermutigt. Auch fügte er bei,
er habe beim Diktieren die Stimme nicht wie sonst in seinem Traum
vernommen, sondern es sei ihm gewesen, als lese er alles, was er
kundzugeben habe, aus dem Felsen heraus, welchen er im Zimmer
lebhaft vor sich gesehen, indem der ihn geistig ganz in sich
aufgenommen habe. Vier Tage danach fuhren wir zum Ursprung der
Andritz, eines reinen Forellenbaches, dessen Quellen in der
nordöstlich von Graz, damals noch in romantischer Einsamkeit
gelegenen Talbucht am Fuße des Schöckelgebirges aus
dem Felsengrunde still emporsteigt und zunächst einen von
einer halbverfallenen Mauer eingeschlossenen, damals noch von
uralten Lindenbäumen beschatteten kleinen, klaren
Wassertümpel bildet. Lorber diktierte uns dort, während
er mit heiterer Miene auf den ruhigen Spiegel des Gewässers
hinblickte, zwei Stunden lang tiefsinnige Eröffnungen über
das Entstehen und die Herkunft dieser reinen Quelle und über
deren Mitwirkung zu Zwecken der physischen und geistigen Welt. -
Und während der Rückfahrt zur Stadt machte er uns dann
noch die Mitteilung: die Naturgegenstände, mit welchen er
sich in Verbindung setze, stellten sich ihm stets personifiziert
dar. - So letzthin der Fels auf dem Schloßberge in der
Gestalt eines düsteren, ernsten Greises und soeben an diesem
Tage die Quelle als eine ruhige, ernste Jungfrau. Auf diese
Art diktierte er uns eine Reihe von Erörterungen über
verschiedene Gegenstände, wie Wald, Weinstock, Perlmuschel,
Taube u. dergl., deren Behandlung wir ihm ganz willkürlich
im Augenblicke zur Aufgabe machten und welche er auch stets ohne
alle Vorbereitung in Angriff nahm. Hierbei stellte sich
merkwürdigerweise heraus, daß diese Kundgebungen, so
zufällig die Wahl der ihnen zugrunde gelegten Gegenstände
auch war, doch zuletzt eine fast systematische Darstellung
enthielten, wie das Geistige sich allmählich aus der
totscheinenden Materie bis zum Höhepunkt seiner Entwicklung,
im Menschen, stetig emporringt. Den Schluß fast jeder diese
Aufsätze machte eine sittliche Lehre, welche in dem voraus
behandelten Naturgegenstand gleichsam parabolisch
versinnbildlicht erschien, daher Lorber diese Reihe von
Kundgebungen in der Folge "Evangelien der Natur" zu
nennen pflegte.
Hellhörer und Seher - nicht mechanisches
Schreibmedium
Aus dem bisher Gesagten geht nun hervor, daß
Lorber von seinem vierzigstem Lebensjahre an ein höchst
merkwürdiges Hörmedium war; als was man ihn jetzt, wie
die spiritistische Begabung, wenn auch in viel geringerem Grade,
bereits tausendfältig aufgetaucht ist, ohne Zweifel erklären
würde. Bemerkenswert dürfte auch sein, daß Lorber
die innere Stimme, welche er die des Herrn nannte, stets im
Herzen, jene anderer Geister aber im Hinterhaupte zu hören
behauptete. Wiewohl Lorber tausende von Bogen mediumistisch
vollschrieb, kann man ihn doch nicht ein eigentliches
Schreibmedium nennen, nämlich ein Medium, dem die Hand
mechanisch durch eine fremde Intelligenz geführt wird. Er
schrieb vielmehr stets selbsttätig nieder, was er von einer
fremden Intelligenz ihm eingeflüstert hörte und er wie
mit dem Ohre zu vernehmen meinte. Lorber war aber auch ein
Sehmedium. Hierfür lassen sich freilich fast nur seine
eigenen Aussagen anführen. Nach den meisten Todesfällen
im Kreise unserer Bekannten und Angehörigen erzählte er
uns nämlich: er habe die jüngst verstorbene Person
gesehen, beschrieb ihr Aussehen, schilderte ihre Zustände,
in welchen sie sich im Jenseits befinde, und entrichtete uns
nicht selten Grüße und andere Botschaften. Namentlich
besuchte ihn oftmals ein weiblicher Geist, der mir im Leben sehr
teuer war und noch ist (Leitners früh verstorbene Gattin),
und ließ mir durch ihn Ratschläge und manchmal auch
Warnungen zukommen, die sich in der Folge auch in der Tat als
nützlich bewährten. Er beschrieb auch die Gestalt
dieses Geistes in einer Weise, daß man aus deren allmählich
veredeltem Äußeren auch auf die fortschreitende
geistige Entwicklung der Seele schließen konnte. Nach
Lorbers Darstellung erschien ihm dieser weibliche Geist, etwa ein
halbes Jahr nach dem Abscheiden von der Erde, zum ersten Male mit
freundlich heiterer Miene in einem langen, hellgrauen
Faltenkleide, welches später mit einem purpurnen Saum und
einem gleichfarbigen Gürtel um die Mitte des Leibes
geschmückt war. Nach dem Verlaufe einiger Zeit zeigte sich
das Gewand in hellem Blau, dann in reinem Weiß und zuletzt
in schneeigem Glanze. Dabei fiel der Erscheinung das offene Haar
frei auf den Nacken herab; bei dem Bewegen wurden in den weiten
Ärmeln die schön geformten Arme sichtbar, während
die entblößten Füße nur wenig aus dem
langen Faltenkleide hervortraten. Bei einer dieser Visionen
gewann ich aber meinerseits die volle Überzeugung von der
Tatsächlichkeit derselben. Eines Tages erzählte er mir,
in der letzten Nacht, bei hellem Mondenscheine, habe er wieder
eine Erscheinung gehabt, die mich angehe. Es sei nämlich
plötzlich eine alte Dame von ziemlich kleiner und dabei
gedrungener Gestalt in einiger Ferne vor seinem Bette gestanden,
welche seltsamerweise beide Augen fest geschlossen gehalten und
ihn ersucht habe: er möge mich grüßen und mir
sagen, ich solle manchmal an sie denken, es tue ihr wohl. - Ich
war über diese Mitteilung ebenso sehr erstaunt wie erfreut,
denn ich erkannte in der Erscheinung sogleich eine teure, kurz
vorher verstorbene Anverwandte, die über achtzig Jahre alt
und in den letzten Wochen ihres Lebens so schwach in den
Augenlidern geworden war, daß sie diese nicht mehr zu
erheben vermochte und dadurch so gut wie blind war. Lorber hatte
diese greise Dame aber schwerlich jemals gesehen, gewiß
aber nicht in ihren letzten Lebensumständen, von denen er
gar keine Kenntnis hatte. Seine Schilderung, die mit ihrem
tatsächlichen Äußeren und ihrem
Blindheitszustande auffallend übereinstimmte, lieferte daher
für die Identität dieses Geistes mit meiner
Anverwandten einen schlagenden Beweis.
Ärztliche Kundgaben
Auch kamen Fälle vor, wo Lorber zwar nicht
als eigentliches Heilmedium, das heißt, durch eine von ihm
selbst ausgehende Heilkraft, sondern nur als sogenanntes
medizinisches Medium heilend wirkte, daß er nämlich
das von Geistern angeordnete Heilverfahren kundgab, dessen
Anwendung dann manchmal von geringem, manchmal aber auch von
überraschend günstigem Erfolge begleitet war. So
übermittelte er mir am 19. Mai 1852, als ich wie seit einer
Reihe von Jahren wieder in das Wildbad Gastein zur Kur abreisen
wollte, eine Weisung von Seite jenes liebreich besorgten Geistes,
dessen ich zuerst erwähnte. Sie lautete dahin, ich solle in
diesem Jahre nur sieben Bäder von nicht längerer Dauer
als von höchstens zwölf Minuten nehmen. Die ersten
Bäder bekamen mir aber so gut und ich befand mich nach dem
siebenten Bade so ausnehmen wohl, daß ich, die erhaltende
Mahnung nicht achtend, meinte, es sei doch schade, die in diesem
Jahre so trefflich zusagende Badekur vorschnell und, abgesehen
von jener unverbürgten Mahnung, ganz ohne Grund abzubrechen.
Ich setzte diese also fort. Das achte Bad schien schon weniger
gut anzuschlagen, und nach dem neunten bekam ich Eingenommenheit
des Kopfes und Schmerzen in den Zähnen, verlor Schlaf und
Appetit und fühlte mich im ganzen so unwohl, daß ich
den Badearzt Dr. von Königsberg zu Rate zu ziehen für
nötig fand. Dieser untersuchte meinen Zustand und
verordnete, daß ich den Gebrauch des Bades ein paar Tage
lang aussetzen und dann wieder kommen soll. Ich tat wie er mir
geraten hatte und stellte mich dann wieder bei ihm ein. Er
wiederholte seine Untersuchung und sagte darauf: "Gehen Sie
nicht mehr in das Bad. Sie haben für dieses Jahr genug. Ihre
Natur ist gesättigt." Ich befolgte seinen Rat, atmete
noch einige Tage die herrliche Alpenluft, reiste dann ab und
genas das nächste Jahr hindurch der besten Gesundheit, als
hätte ich wie gewöhnlich meine ganze Badekur pünktlich
durchgemacht. In den darauf folgenden zwei oder drei Sommern nahm
ich in den berühmten Quellen wieder meine üblichen 21
bis 25 Bäder mit dem besten Erfolge. In einem der späteren
Jahre erhielt ich aber durch Lorber wieder die Geistervorschrift,
in diesem Jahre nur neun Bäder zu nehmen. Allein das
behagliche Gefühl erhöhter Lebenskraft, welches sich
nach den gestatteten neun Bädern eingestellt hatte, war so
groß, daß ich Schwachgläubiger mich dadurch
neuerlich zur Fortsetzung des Badegebrauches verleiten ließ
- leider mit dem gleichen Mißerfolge wie im ersten Falle.
Nach dem elften Bade fanden sich nämlich wider alle jene
Übelstände ein, welche damals hervorgetreten waren, und
der Badearzt verbot mir auch dieses Mal, meine Natur noch ferner
mit dem Gasteiner Agens zu überladen. Die elf Bäder
äußerten aber das folgende Jahr über dieselbe
gedeihliche Nachwirkung, wie sonst der gewohnte dreiwöchentliche
Kurgebrauch. Ein anderes Mal litt ich längere Zeit an
einer Nervenschwäche, welche nicht nur meine körperliche
Integrität angriff, sondern auch mein Gemüt
niederdrückte und selbst meine geistigen Funktionen
benachteiligte, indem eine gewisse Zweifelsucht und Ängstlichkeit
mich in der Führung meiner Privat- und Amtsgeschäfte in
peinlicher Weise hinderte und beeinträchtigte. Lorber,
hierüber um Rat ersucht, erhielt hierauf durch seine inner
Stimme folgendes Heilmittel für mich: "Nimm roten,
ungerichteten (Natur-)Wein und Olivenöl, das rein ist, und
reibe dir damit morgens und abends die Brust, den Rücken,
das Genick, am Abend aber auch das Haupt und ganz besonders die
Schläfen im Glauben und Vertrauen an den Herrn ein; doch
sollst du in dieser Zeit dich vom Kaffee und schlechten Weine
enthalten." Nachdem ich dieses Heilmittel vier oder fünf
Tage angewendet hatte, fühlte ich mich an Leib und Seele
wieder so gekräftigt, daß ich bei wiedergewonnener
Heiterkeit, Entschlossenheit und Tatkraft allen meinen
Obliegenheiten mit gehobenem Mute wieder wie sonst entsprechen
konnte. Die gleich günstige Wirkung äußerte
diese, wie Lorber sie fernerhin nannte, "evangelische Salbe"
auch später zu wiederholten Malen, wenn ich sie in langen
Zwischenräumen gegen ähnliche Rückfälle oder
beim Eintritte lediglich körperlicher Schwächezustände
an einem vor Jahren verletzten Fuße in Anwendung brachte.
Zur Steuer der Wahrheit muß ich hier befügen, daß
ein anderes Heilmittel, welches er mir für dieses Fußübel
empfahl, entweder wegen der zu starken Dosis der angeordneten
Medikamente oder wegen der von mir zu heftigen Anwendung
desselben, ungünstig wirkte.
Materialisation
Endlich ereignete sich auch ein Fall, welcher
vermuten läßt, daß Lorber auch die Befähigung
gehabt habe, sich zum Materialisations-Medium, wie man dies
neuestens nennt, auszubilden. - Er bewohnte damals ein Zimmer zu
ebener Erde in der Wickenburggasse, in welchem sein Schreibtisch
unmittelbar an dem Fenster stand, in dessen Nähe sich rechts
die Eingangstür befand. Eines Tages, so erzählte er
mir, als er eben am Tische saß und schrieb, stand plötzlich
ihm zur Seite rechts zwischen Tisch und Tür eine weibliche
Gestalt in der damals gewöhnlichen Kleidertracht und
lächelte ihn, als er von der Feder aufsah, freundlich und
gleichsam erfreut an, wie jemand, dem eine beabsichtigte
Überraschung geglückt ist. Er erkannte in dieser
Gestalt seine ehemalige Schülerin R., ein junges Mädchen,
welches von ihm Unterricht im Gesang genommen und sich als
Sängerin der Bühne gewidmet hatte, vor einiger Zeit
aber gestorben war. Als sie die Miene des Erstaunens, mit der er
sie anstarrte, bemerkte, sagte sie: "Ja, ja, ich bin's! Faß'
mich nur an!" Und als er damit zögerte, wiederholte sie
ihre Aufforderung dringend: "Nun, so faß' mich nur
an!" - Als Lorber ihr hierauf endlich Folge leistete, fühlte
er tatsächlich den elastischen Widerstand eines menschlichen
Körpers; aber als er diesen kaum wieder losgelassen hatte,
war die ganze Gestalt auch plötzlich schon verschwunden. Ich
war über diese Erzählung ganz verblüfft, getraute
mich aber nicht, dem Erzähler, der dazu selbst eine
geheimnisvolle Miene der Verwunderung machte, etwas dagegen
einzuwenden und ließ die ganze Sache, die ich mehr für
eine Sinnestäuschung als für eine wirkliche Tatsache
anzusehen geneigt war, stillschweigend auf sich beruhen, indem
ich wohl wußte, daß Lorber durch jeden Zweifel, den
man in seine Worte setzte, sich gekränkt fühlte. Erst
in der neuesten Zeit, als von allen Seiten, zumal aus England und
Amerika, häufige Nachrichten von tastbaren, plastischen
Geisterscheinungen einliefen und berühmte Gelehrte nicht nur
aus eigenen Ländern, sondern auch in Deutschland für
deren Wirklichkeit Zeugnis ablegten, erinnerte ich mich wieder
jener Erzählung Lorbers, und sie gewann in meinen Augen nun
um so mehr an Bedeutung, als der Gegenstand derselben durch die
jetzigen, gleichartigen Phänomene auffallend bestätigt
und zugleich dargetan wurde, daß für Jakob Lorber auch
in dieser Art der Mediumschaft der Vorrang der Priorität in
Anspruch genommen werden kann.
Indem ich hiermit meinen gewissenhaft
erstatteten Bericht über Jakob Lorbers Leben und dessen
außerordentliche Begabung abschließe, bin ich mir
recht gut bewußt, daß die in der stoffgläubigen
Weltanschauung der Gegenwart Befangenen meinen Freund Lorber
sowie mich, seinen Biographen, wenn nicht geradezu als Betrüger,
so doch als von arger Selbsttäuschung Betrogene ansehen und
als solche, je nach ihrer Charakteranlage, verspotten oder
bemitleiden werden. Die Wohlwollenden unter ihnen werden mich,
den beinahe Neunzigjährigen, vielleicht damit zu
entschuldigen suchen, mein hohes Alter habe mein Auffassungs- und
Beurteilungsvermögen so bedeutend geschwächt, daß
ich für die oben erzählten Abenteuerlichkeiten als
Zeuge aufzutreten vermochte. Diesen milden Richtern gebe ich aber
zu Bedenken, daß das von mir hier Berichtete in die Zeit
zwischen mein 40. und 64. Lebensjahr fällt, somit in eine
Zeit, in welcher die Geisteskräfte des Menschen in der Regel
noch nicht bis zur Unzurechnungsfähigkeit abzunehmen
pflegen. Es war mir in jenen Jahrzehnten die Verwaltung
verschiedener öffentlicher Ämter anvertraut, und ich
habe damals auch einige schriftstellerische Arbeiten
veröffentlicht.
Anhang
I.
Beglaubigte Mitteilungen über Lorber,
nach schriftlichen Aufzeichnungen einer Zeitgenossin
Man hat eine Menge merkwürdiger Berichte
über Jakob Lorber, deren Übereinstimmung mit der
Wahrheit mehr oder weniger festgestellt ist. Mehrere von diesen
fallen wirklich in das Gebiet des Wunderbaren und
Übernatürlichen. Hier will ich einige Episoden aus dem
Leben Lorbers folgen lassen, damit die Menschen sehen, wie der
gute Vater im Himmel die Seinen beschützt, leitet und
führt. Nicht einsam und freudlos ging Lorber durchs
Leben; denn er hatte Anhänger aus den besten Familien.
Dieselben haben ihn in seinem göttlichen Schreiben auch
bewacht und strenge geprüft, was für die Nachkommen
besonders gut war. Denn nun darf niemand sagen, daß die
Worte, die zu ansehnlichen Werken wurden, nicht göttlichen
Ursprunges sind. Seine besten Freunde und treue Anhänger
waren die Herren Dr. Justinus Kerner; Dr. Ch. F. Zimpel; der
Bürgermeister von Graz, Anton Hüttenbrenner; dessen
Bruder, der Komponist Anselm Hüttenbrenner; der Dichter und
steirische Ständesekretär Karl Gottfried Ritter von
Leitner; Dr. Anton Kammerhuber; Leopold Cantily, Apotheker in
Graz, sowie mehrere andere, darunter war auch eine hochgeschätzte
Dame, die Grazer Hausbesitzerin Trau Antonia Großheim, von
welcher die nachfolgenden Geschichtchen mir persönlich
überliefert wurden. Meistens haben sich die Obgenannten
zur Schreibzeit bei Lorber eingefunden und ihn dabei genau
beobachtet. Denn besonders die Frau Großheim war nicht
leichtgläubig, weshalb sie genau und strenge bisweilen
selbst in Lorbers Tischlade und Kasten Nachschau hielt, ob er
nicht Bücher oder Schriften zur Verfügung halte. Aber
er hatte keine Hilfsquellen. Sein einziges Buch, das er ständig
zur Hand hatte, war die Bibel. Wenn er ein Heft ausgeschrieben
hatte, was oft mitten im Satze der Fall war, so nahm der eine
oder der andere Freund das Heft mit, um es durchzulesen. Wenn
dann des andern Tages der Schreiber das nächste Heft
benützte, so fing der Wortlaut genau dort an, wo das frühere
Heft geendet hatte, so daß keine Störung im
Satzgebilde vorkam. Als Lorber schon mehrere Hefte
vollgeschrieben hatte, erhielt auch ein gewisser Johannes Busch,
nachmaliger Herausgeber und Begründer des jetzigen
Neusalems-Verlages, Nachricht von den Werken, die Lorber
niedergeschrieben hat. Busch kam, um Lorber persönlich
kennenzulernen, nach Graz. Er glaubte schon nach dem Gehörten
und Gelesenen an die Echtheit der Schriften. Und als er in Graz
ankam und die Wohnung Lorbers erfragt hatte, da warf er sich
schon vor der Türe Lorbers auf die Knie und betete und
seufzte. - Lorber, der gerade in der Bibel las, horchte auf. Und
als das Geseufze kein Ende nahm, machte er die Türe auf und
war natürlich ganz erstaunt, einen fremden Mann vor seiner
Türe knien zu sehen und seufzen zu hören - und frug
ihn: "Was ist denn das? Was soll das heißen? Stehen
Sie auf und sagen Sie mir, was Sie da tun und wollen!" - Da
sagte Busch: "Sind Sie der heilige Prophet Lorber, der die
schönen Worte schreibt?" - Da antwortete Lorber mit
Bescheidenheit: "Der Lorber bin ich wohl, aber ein
'heiliger' Mann bin ich nicht. - Kommen Sie herein, dann können
wir ungestört über die Worte sprechen und Sie können
zugegen sein, wenn ich vom Herrn zum Schreiben berufen
werde." Lorber hatte es an sich, daß er, wenn er in
der Erregung sprach oder fragte, besonders das erste Wort
hervorstotterte; sonst aber stotterte er nicht. Die beiden,
Lorber und Busch, besprachen sich hierauf lange und öfter
miteinander. Und Busch erbot sich dann, die Schriften drucken zu
lassen, was er auch getan hat. Er war also der Begründer des
jetzt in Bietigheim (Württemberg) bestehenden Verlages für
Lorbers Werke, und es befinden sich dortselbst die später
dorthin geschafften Urschriften Lorbers wohlverwahrt. Es war
mit der Zeit trotz aller Vorsicht doch unter die Leute gekommen,
daß Lorber geheimnisvolle Sachen schreibe, und es wurde ihm
mit der Polizei gedroht. Da hat nun wieder Frau Großheim
eingegriffen und geholfen. Es wurden die Hefte in mehrere Säcke
gepackt und in der Holzlage der Frau Großheim hinter dem
Holz so lange verborgen gehalten, bis das Gerede verstummte. Als
das der Fall war, wanderten die Hefte wieder zum
Schreiber. Lorber bemeisterte die Violine in freier
Komposition. Wenn er zum Spielen angeregt wurde, da kam es oft
vor, daß er dabei seiner Liebe zum Herrn freien Lauf ließ,
was in dem wunderbaren Violinspiel derart zum Ausdrucke kam, daß
nicht nur ihm die Tränen über die Wangen liefen und
sein Gesicht ganz glänzend wurde, sondern auch die Zuhörer
so ergriffen waren, daß sie weinen mußten vor Liebe
und Glück. Lorber war von seinem Vater aus nicht ganz
arm. Er hatte ein Vermögen von 12 000 Gulden, was zur
damaligen Zeit ein großes Vermögen war, geerbt. Aber
bald war er dieses Besitzes entledigt und irdisch so arm, daß
er nie Geld hatte; denn sein Erbe borgte er seinem Bruder auf
Nimmerwiedersehen. Und wenn er sich etwas verdiente, so fand sein
Geld bei Armen schnellen Absatz. So hatte er einst 30 Kreuzer
in einer Schachtel in der Tasche, als er gerade seinem Berufe
zufolge zu einem Abendkonzert ging. Da begegnete ihm ein
reisender Handwerksbursche und bat ihn um eine kleine Gabe. Er
gab demselben sein ganzes Geld. Und als er nach Hause kam - fand
er in der Schachtel die 30 Kreuzer wieder! Wie oft ist es
vorgekommen, daß er zur Frau Großheim kam und sagte:
"Liebe Großheim, ich habe heute noch nichts gegessen!"
Da machte sie schnell Feuer, kochte ihm eine Suppe, damit er doch
etwas Warmes in den Magen brachte. Und wenn sie es hatte, gab sie
ihm auch Brot dazu. Frau Großheim stand in brieflichem
Verkehr mit einem Herrn Krapohl, der früher in J. lebte.
Durch ihn wurde sie mit dem Pfarrer aus J. in brieflichen Verkehr
gebracht, und derselbe wollte sie, angeregt durch ihr geistiges
Wissen, kennenlernen, kam nach Graz, suchte sie auf und wurde
durch sie auch mit Lorber bekannt ebenso auch mit einem Grazer
Israeliten, der öfter zur Großheim kam und dem sie
auch von den Schriften Lorbers viel erzählte. Eines Tages
kamen wieder alle drei - nämlich Lorber, der Pfarrer und der
Israelit - bei der Schwester Großheim zusammen, und da kam
die Sprache auf die diktierten Schriften, und Lorber erzählte
viel aus denselben. Da fragte der Pfarrer: "Mann, Sie sind
ein Erwählter Gottes, Sie sind ein Prophet!" Auch der
Israelit stimmte bei. Da fielen sich alle drei in die Arme,
umschlangen sich und wurden gute Freunde. Nun mußte Lorber
erzählen vom Anfang seiner Berufung bis zur selben Zeit.
Alle weinten Freudentränen und dankten dem Herrn, daß
sie sich gefunden hatten. Der Israelit hatte das Herz so voll,
daß er vor seinen Glaubensgenossen nicht schweigen konnte.
Diese haßten ihn darum, daß er abgefallen war. Der
Herr Pfarrer aber wurde später Beichtvater einer
weltbekannten Persönlichkeit. Einst kam ein
vornehmer Herr zu Lorber und machte ihm Vorwürfe, daß
er sich als im Verkehr mit dem Herrn stehend ausgebe und gab ihm,
dem Lorber, ein oder zwei Ohrfeigen; dann ging er fort. Er ging,
als er Lorber verlassen hatte, in eine Mühle, und dort -
wurde ihm die rechte Hand abgerissen. - Ein andermal kam auch ein
Mann zu Lorber und sagte höhnisch: "Sie sagen, daß
Sie ein Prophet sind?! Jetzt gehe ich gleich und werde Sie bei
der Polizei anzeigen!" Der Mann ging in die Raubergasse
(dort war früher der Sitz der Polizei), wurde aber auf der
Gasse vom Schlage getroffen und war sogleich tot. Auch Lorber
hat einmal mit dem Herrn gehadert. Das war so: Der Winter war vor
der Tür und es war schon empfindlich kalt, und Lorber hatte,
wie so oft, kein Geld, um Holz zu kaufen. Die Finger waren ihm
ganz steif. Da sagte er: "Herr, wenn Du willst, daß
ich schreiben soll, so mußt Du mir auch Holz verschaffen;
denn bei der Kälte kann ich nicht schreiben." Er legte
die Feder weg und schrieb nicht. - Da pochte es an der Türe.
Lorber ging und öffnete, um nachzusehen, wer es sei. Da
stand ein Bauer draußen und sagte: "San Sie der Herr
Lorber?" - "Ja, der bin ich." - "'s Holz ist
do!" - "Was denn für Holz?" - "Dos, wos
ich doher bringen sull. Wo soll i's denn oloden?" - "Ich
habe ja keines bestellt!" - "Na, wenn Sie der Herr
Lorber san, der auf dem Zettel steht, dann g'hört's Holz do
her, und wenn Sie's net woll'n, führ' i's wied'r ham."
- Lorber sah den Zettel an, und da die Adresse recht war, so
sagte er: "Na, in Gottes Namen, laden Sie es ab!" -
Lorber sagte ihm, wo er abladen solle und hatte dann Holz für
den Winter, so daß er wieder schreiben konnte. Durch
Nachfragen erfuhr er, daß ihm dasselbe sein Freund und
Gönner Ritter von Leitner gesandt hatte. Nachstehend nun
noch ein Brief Lorbers an den bereits genannten Johann Busch vom
Jahre 1855, welcher über Lorbers Seelenleben beredten
Aufschluß gibt. Nach geschäftlichen Mitteilungen
ergreift der Herr das Wort und diktiert durch die Hand Lorbers:
"Mein lieber Freund, du suchst Mich, weil du Mich lieb hast;
und ein leichtes ist es darum dir, Mein Gebot der Liebe lebendig
wirksam zu befolgen. Siehe, die Menschen erfinden nun allerlei
und glauben auch allerlei. Und Menschen, die recht viel erfunden
haben, glauben am Ende an gar nichts mehr - außer an das,
was sie erfunden haben und welch möglich größter
Gewinn es ihnen abwirft! Das sind Kinder der Welt, die in manchem
oft klüger sind als die Kinder des Lichtes! Aber Meinen
wahren Herzenskindern gebe ich dennoch ganz andere Dinge, von
denen den klugen Weltkindern nie etwas in ihren verdorbenen Sinn
kommen wird! - Siehe! Mein Knecht (Lorber) ist wahrlich Mir
zulieb arm; denn er könnte sehr reich sein, da er als
Tonkünstler auch durch Meine Gnade die besten Fähigkeiten
dazu besitzt. Aber er schlug Anstellungen und sehr vorteilhafte
Anträge aus - alles aus großer Liebe zu Mir. Und hat
er 2 Gulden Geldes, so begnügt er sich mit 40 Kreuzern und 1
Gulden 60 Kreuzer verteilt er unter die Armen. Darum aber habe
Ich ihm auch alle Schätze der Himmel eröffnet. Jeder
noch so weit entfernte Stern ist ihm so bekannt wie diese Erde.
Er kann mit dem Auge seines Geistes jene beschauen und bewundern
nach Herzenslust; aber ihn kümmert nun derlei wenig, weil
Ich allein ihm alles in allem bin! Und siehe, das ist der
allein richtige Weg zu Meinem Herzen! Der reiche Jüngling
im Evangelium beachtete gerne das Gesetz von Kindheit an und
sollte dadurch auch das ewige Leben haben. Aber es kam ihm vor,
als hätte er solches noch nicht. Er kam darum zu Mir und
fragte, was er tun solle, um das ewige Leben zu erreichen. Und
ich sagte: "Halte die Gebote!" Er aber beteuerte,
solches von Kindheit an getan zu haben! - Darauf sagte Ich:
"Willst du mehr, so verkaufe deine Güter, verteile den
Erlös unter die Armen, dann komme und folge Mir, und des
Himmels Schätze werden dir zu Gebote stehen!" Siehe,
dies sage Ich aber jedem nun: "Wer von Mir vieles haben
will, der muß Mir auch vieles opfern - wer aber alles haben
will, nämlich Mich Selbst, der muß Mir auch alles
opfern, auf daß wir eins werden." Du aber hast Mir
schon vieles geopfert und sollst darum auch vieles bekommen! Die
reine, uneigennützige Liebe aber ist vor Mir das Höchste!
Dies Wenige, Freund, zu deinem Troste. Amen." Nachschrift
Lorbers: "O Freund! Auf diese Worte muß ich
verstummen! J. Lorber."
II.
Karl Gottfried v. Leitner
Der Verfasser der in diesem Büchlein
wiedergegebenen ausführlichen Lebensbeschreibung Jakob
Lorbers ist der deutschösterreichische Dichter Karl
Gottfried Ritter v. Leitner, der mit Lorber nahezu ein
Vierteljahrhundert hindurch freundschaftlich verkehrte. Da dem
heutigen Geschlechte Leitners Name, trotzdem er dereinst unter
den hervorragenden deutschen Poeten Österreichs ehrenvoll
genannt wurde, fremd geworden und der Dichter leider in
Vergessenheit geraten ist, so mag eine ganz kurze Darlegung von
dessen Lebenslaufe hier ihre Stelle finden. Eine solche Darlegung
erscheint für die Leser der gebotenen Lebensbeschreibung
Lorbers um so notwendiger, als diese damit zugleich den edlen
Charakter des Dichters kennenlernen, dem neben seinen idealen
Schöpfungen die Wahrheit als höchstes Streben
galt. Karl Gottfried Ritter von Leitner, der Abkömmling
eines seit dem 17. Jahrhundert durch den rittermäßigen
Adel ausgezeichneten Geschlechtes, war am 18. November 1800, im
selben Jahre wie Lorber, zu Graz als Sohn eines landständischen
Rechnungsrates geboren, der auch literarisch tätig
hervortrat. Schon 1805 starb aber der Vater, und die Mutter
vermählte sich 1807 zum zweiten Male. Leitner vollendete
die Gymnasialstudien zu Graz und wandte sich dem Studium der
Rechte zu, zeigte aber besondere Vorliebe für die Geschichte
der heimatlichen Steiermark und wollte daher sich in der Folge
dem Lehrberufe auf diesem Gebiete widmen. Er bekleidete auch
tatsächlich schon 1824 und 1825 provisorische Lehrstellen an
den Gymnasien zu Tilli und Graz. Da er aber inzwischen Gedichte
und Novellen veröffentlicht hatte, die von besonderer
Begabung zeugten, wurden angesehene heimische Dichter und
Gelehrte, wie insbesondere Johann v. Kalchberg und der
Orientalist Hammer-Purgstall, auf ihn aufmerksam und, durch diese
Persönlichkeiten gefördert, kam Leitner in den Dienst
der steiermärkischen Stände. Er wurde 1835 zweiter
und 1837 erster ständischer Sekretär und trat 1854 als
solcher wegen seiner angegriffenen Gesundheit in den
Ruhestand. Nachdem er sich 1846 vermählt hatte, traf ihn
1854 das Unglück, seine geliebte Gattin Karoline zu
verlieren, mit der er einer Reise nach Italien unternommen hatte
und die plötzlich in Pisa starb. Erzherzog Johann, der so
hoch verehrte Förderer jedes Kulturfortschrittes in
Steiermark, ernannte Leitner 1858 zu einem der drei Kuratoren des
von dem Erzherzog in Graz gegründeten berühmten
Joanneums. Leitner hat in seinen Mannesjahren verschiedene
Reisen in Österreich und nach fremden Ländern
unternommen, seinen Wohnsitz aber stets in Graz beibehalten. Er
stand mit geistig hochbedeutenden Persönlichkeiten
Österreichs, zumal des nicht fernen Wien, das er selbst
häufig besuchte, in Verbindung. So insbesondere auch mit den
Dichtern J. G. Seidl, Anastasius Grün (Graf Auersberg) und
Grillparzer, der den Steirer Poeten überaus hoch schätzte
und in Graz einigemale besuchte. Leitners Gedichte und
novellistischen Stücke sind in Zeitschriften und den damals
üblichen Taschenbüchern seit 1820 erschienen. Im Jahre
1825 gab er eine Sammlung Gedichte in Wien heraus, welcher im
Jahre 1857 die zweite, fast um das dreifache vermehrte Auflage
folgte. Einen Band anmutiger Poesien bot er im Jahre 1870 unter
dem Titel "Herbstblumen" (Stuttgart) und sein letztes
Buch "Novellen und Gedichte" (Wien) im Jahre 1880. Ein
Drama: "König Tordo", kam 1830 in Graz zur
beifälligen Aufführung, auch hat er mehrere andere
dramatische Dichtungen verfaßt. Auch historische,
topographische und biographische Arbeiten sind von ihm
veröffentlicht worden, namentlich eine vortreffliche
Biographie Erzherzog Johanns im Jahre 1860. Die größte
Bedeutung aber hat Leitner als lyrischer und epischer Dichter
erlangt. Seine zarten, innigen Lieder zählen zu den
schönsten der gleichzeitigen österreichischen Poeten.
Seine Balladen und erzählenden Dichtungen sind vielfach
mustergültig. Innigkeit und Gedankentiefe vereinigen sich in
Leitners Gedichten mit schöner, anmutiger Form. Bis in die
letzten Tage seines langen Lebens hat der Dichter das poetische
Schaffen fortgesetzt und manche sinnige Liederschöpfung
findet sich in seinem Nachlasse. Eine umfassende Auswahl der
schönsten seiner Gedichte, mit Einbeziehung des Nachlasses
und einer größeren biographischen Einleitung, hat
Reclams Universalbibliothek (Nr. 5901-5903) im Jahre 1909
herausgegeben. Eine besonders ausführliche
Lebensbeschreibung des Dichters, die auch seiner Beziehung zu
Jakob Lorber gedenkt, ist im 51. Band der "Allgemeinen
deutschen Biographie" (Leibzig 1906) erhalten. Biographien
Leitners finden sich auch in Goedekes "Grundriß der
deutschen Dichtung", in den "Mitteilungen des
historischen Vereines für Steiermark" (von Franz Ilwof
verfaßt) und anderwärts in literarhistorischen
Werken. Leitner ist im 90. Lebensjahre 1890 in Graz
gestorben. In welcher Weise der edle Dichter mit Jakob Lorber
bekannt wurde und wie er diesen hochhielt, geht aus der hier
vorgelegten Lebensbeschreibung dieses denk- und
verehrungswürdigen Mannes hervor. Leitner hat Materialien
für eine Art von biographischem Sammelwerke steirischer
Dichter, Künstler und Gelehrter lange Jahre hindurch
gesammelt und manches davon auch ausgearbeitet. So genau und
umfassend aber wie das Lebensbild Lorbers ist keine seiner
diesbezüglichen Arbeiten von ihm ausgeführt worden.
Leitner hat dieses Lebensbild etwa in seinem 84. Lebensjahre
abgefaßt. Der Inhalt desselben entspricht der unentwegten
Wahrheitsliebe des greisen Verfassers in jeder Zeile genau dessen
klaren und unbeeinflußten Beobachtungen. Karl Gottfried
Ritter v. Leitners eigene religiöse Überzeugung geht am
besten aus einem Briefe hervor, den er am 28. April 1889 an einen
Verwandten gerichtet hat und der hier gleichfalls zum erstenmale
im Auszuge mitgeteilt wird, da dieses Schreiben, ohne ihn
namentlich anzuführen, doch auch Lorbers gedenkt und auf
dessen Persönlichkeit hinweist: "Die Religion ist",
so führt Leitner in dem Brief aus, "weit mehr die Sache
des Herzens als des Kopfes; denn es ist uns ja gesagt: Gott ist
die Liebe. Diese Lehre und die zwei Gebote: 'Liebe Gott über
alles und den Nebenmenschen wie dich selbst!', sind die
Grundlagen alles Christentums. Das letzte Gebot befolgt auch die
rationelle Humanität der Neuzeit, aber sie will von Dem
nichts wissen, den sie über alles lieben soll; darum ruht
auf ihren Schöpfungen kein wahrer Segen. Ich bekenne mich
seit 40 Jahren zu einer Richtung christlichen Wesens, welche den
obigen Grundlehren entspricht, denen alle äußeren
Zeremonien unwesentlich sind. Ich wurde in diese die meisten
Rätsel des Lebens lösende Weltanschauung vor 48 Jahren
durch einen Freund eingeführt, einen einfachen, Gott
liebenden und suchenden Mann, welchem damals die Gnade zuteil
wurde, vom Herrn selbst durch eine in seinem Herzen ertönende
Einsprache Kundgebungen zu erhalten, die er 24 Jahre lang
wörtlich niederschrieb, bis er im Jahre 1864 aus der
Zeitlichkeit abberufen wurde. Während dieser ganzen Zeit war
ich beobachtender Zeuge dieses außerordentlichen
Ereignisses. Seither erschienen alle diese zahlreichen Schriften,
größtenteils nach dem Tode des Sehers, durch fremde
Herausgeber im Druck. - Alle diese neutheosophischen Schriften
bezwecken nur, das Urchristentum wieder, und zwar unserer
vorgeschrittenen Bildung gemäß, zu erneuern. Du
wirst für hier und dort recht und genug getan haben, wenn Du
an dem Glauben an Jesus Christus dem Herrn festhältst, ihn
über alles, Deinen Nächsten aber wie Dich selbst
liebst. Denn in diesen zwei Geboten ist, wie der Evangelist
schreibt, das Ganze gesetzt und sind alle Propheten enthalten."
- Soweit Leitners Brief, dessen übrige Mitteilungen an
dieser Stelle weiter keine besondere Bedeutung haben. Die
religiöse Denkweise des Dichters ergibt sich aber aus den
wörtlich angeführten Stellen auf das klarste und
deutlichste.
III.
Verlag und Verbreitung der Lorberwerke
Von Interesse für die Leser ist nun gewiß
auch die Verlagsgeschichte der bedeutungsvollen Bücher und
Schriften des Sehers. Der erste Wegbereiter, welcher dem
Neusalemslicht, die Bahn in die Öffentlichkeit erschloß,
war der bekannte Arzt und Schriftsteller Dr. Justinus Kerner,
Weinsberg. Dieser unerschrockene Vorkämpfer der Geistlehre
und Verfasser des heute noch bedeutsamen Buches "Die Seherin
von Prevorst" hatte damals schon einen bedeutenden Namen. Er
wurde von Freunden der Lorberschriften auf diese Kundgaben aus
der geistigen Welt aufmerksam gemacht, und der Eindruck, welchen
er von dem hohen Wahrheitsgehalte erhielt, bewog ihn, den Druck
der zwei kleinen Schriften Jakob Lorbers, "Briefwechsel Jesu
mit Abgarus" und "Brief Pauli an Laodizea" im
Verlage von J. Landherr, Heilbronn, im Jahre 1851 zu veranlassen.
Justinus Kerner ist es auch, der den bekannten Arzt, Theosophen
und Schriftsteller Dr. Zimpel gewann, sich für die Sache zu
interessieren. Dr. Zimpel reiste ums Jahr 1850 eigens nach
Graz, um Lorber aufzusuchen, beobachtete ihn mehrere Monate lang
selbst und beförderte dann dessen erste Hauptwerke: "Die
Haushaltung Gottes", "Die Jugend Jesu" und "Der
Mond", im Verlage von E. Schweizerbart, Stuttgart, zum
Drucke. In einem Nachwort zur "Haushaltung Gottes" sagt
Dr. Zimpel, als ein Augenzeuge, zur wahrheitsgetreuen
Charakterisierung Jakob Lorbers: "Dieser harmlose, stille,
fromme Mann ohne eigentliche wissenschaftliche Bildung hat ein
vortreffliches Herz und teilt mit allen, die noch bedürftiger
sind als er selbst, seine geringe Habe, die ohnehin eigentlich
mehr in Almosen besteht, die er von einigen Freunden empfängt;
ja er entblößt sich in solchem Grade, daß ihn
der Weltverstand für unbesonnen erklären würde." Die
von Dr. Zimpel herausgegebene Jugendgeschichte wurde jedoch bald
durch die behördliche Zensur, welche unter starkem
kirchlichen Einfluß stand, konfisziert und zerstört,
und zwar, wie aus dem Nachwort der zweiten Auflage dieses Buches
(herausgegeben 1869 durch Karl August Schöbel, Roßarzt
in Söbringen bei Pillnitz) zu ersehen ist, "allein nur
wegen der Vorrede des Herausgebers dieses Evangeliums." Durch
die bis dahin veröffentlichten Lorberschriften wurde
Johannes Busch in Dresden ein eifriger Freund der
Neuoffenbarungen. Er suchte, begeistert von diesen Gnadengaben,
lange nach einem geeigneten Verleger, da Lorber selbst in den
engen, geistig bedrückten Verhältnissen seiner
katholischen steiermärkischen Heimat keine Schritte tun
konnte. Da aber Busch auch in Deutschland niemand finden konnte,
der sich mit Verständnis und Liebe der Schriften annahm, so
entschloß er sich, mit Gottes Hilfe selbst die Sache in die
Hand zu nehmen. In den Jahren 1855-1876 konnte er unter großen
Opfern an Zeit und Geld die meisten, bedeutenderen
Lorberschriften herausgeben. - Hauptsächlich während
der ersten Drucklegung des Johanneswerkes war J. Busch dabei
freilich oft in Geldnöten. Hier erwies sich ein Anhänger
der Lorberwerke, G. Mayerhofer in Triest, immer wieder als
besonders eifriger und tatkräftiger Förderer. J.
Busch's freudigstes Hoffen und Streben war, die Drucklegung des
ganzen Johanneswerkes vollenden zu können, um dadurch dieses
größte Werk der Menschheit zu erschließen. Und
im März 1877 konnte er denn auch, als beinahe 84jähriger
Greis, diese große Arbeit beenden. Mit einer
Mayerhoferschen Nachsendung von Mk. 50.- wurde der Buchdrucker
bezahlt, "wonach dann aber auch", so schrieb Busch am
9. März 1877 an den getreuen Freund in Triest, "der
Rest meiner Druckkasse nur noch in Mk. 1.80 besteht." Kurz
nach diesem Abschluß und Briefwechsel erfolgte der
plötzliche Tod G. Mayerhofers am Karfreitag, dem 30. März
1877. - Zwei Jahre später, 1879, folgte auch der treue
Verwalter und Verleger J. Busch dem vorangegangenen Freunde in
die ewige Heimat. Nach Buschs Tod wurde sein verlegerischer
Nachlaß auf öfteres Drängen zahlreicher Freunde
durch C. F. Landbeck, Bietigheim, erworben, der schon als junger
Mann mit G. Mayerhofer durch jahrelange Geistesfreundschaft
verbunden und durch ihn mit Lorber bekannt geworden war. Die
Restbestände des Busch'schen Verlags vereinigte er in
Bietigheim mit den aus Triest eingetroffenen Mayerhoferschen
Schriften und betrieb nun mit der ihm eigenen unerschütterlichen
schwäbischen Zähigkeit und Tatkraft von seinem
elterlichen Anwesen in Bietigheim aus die Herausgabe all dieser
Neusalemschriften, auch der bis dahin noch ungedruckten. C. F.
Landbeck rückte seine ganze Zeit und Kraft sowie sein ganzes
irdisches Vermögen daran. Durch seine eigene Begeisterung
wußte er andere Herzen zu erschließen und die Mittel
zu beschaffen. Er war Verleger, Korrektor, Organisator,
Wanderbote - alles in einer Person. Und nur so - da er sich durch
sein Inneres leiten, von außen aber nicht zu viel
dreinreden ließ, gelang es, die kostbare Fracht der
Neuoffenbarung über das stürmende, finstere Meer der
damaligen, materialistisch und ungläubig gesinnten Welt
hinüberzuretten an die lichteren Gestade, an welchen wir
jüngeren Geschlechter uns heute befinden. C. F. Landbeck
nannte das als Hege- und Verbreitungsstätte der neuen
Offenbarungsschriften von ihm gegründete Unternehmen zuerst
"Neutheosophischer Verlag". Vom Jahre 1907 an führte
er jedoch den Namen "Neu-Salems-Verlag" ein - im
Hinblick darauf, daß der Herr Selbst die in der
Neubotschaft rein und vollkommen enthüllte Lehre im Großen
Evangelium wiederholt als das "Neue Jerusalem"
bezeichnet und im Band 9, Kap. 98, auch die Anhänger
"Neusalemiten" nennt. Seit dem Tode C. F. Landbecks
(1921) setzt als dessen Rechtsnachfolgerin die
Neu-Salems-Gesellschaft, e. V., in Bietigheim, Württemberg,
die Tätigkeit in der überkommenen Weise fort.
Die Hauptwerke Jakob
Lorbers (Neu-Salems-Schriften)
Wie wir aus dem Leitnerschen Lebensbild
entnehmen, begann die geistige Schreibtätigkeit Jakob
Lorbers am 15. März 1840 mit dem Werke
Die Haushaltung Gottes
Nach einigen einleitenden Kapiteln behandelt
dieses grundlegende dreibändige Werk die Hauptfragen allen
religiösen Denkens: das Wesen Gottes, die Urschöpfung
der Geisterwelt, die Entstehung der materiellen Weltenschöpfung,
die Erschaffung des Menschengeschlechts und die Urgeschichte der
Menschheit bis zu der vorderasiatischen Erdkatastrophe, der
Sündflut. - Die Darstellungsform ist schon in dieser, wie in
fast allen Lorberschriften nicht die gelehrtenhafter Abhandlung,
vielmehr werden uns die tiefsten Lehren über alle Fragen des
Diesseits und Jenseits in Form von fesselnden, lebendigen
Lebensschilderungen geboten. In unvergleichlich eindringlicher
Weise wird uns so das Wesen Gottes und Seiner geistigen und
stofflichen Schöpfung vor die Seele geführt und in der
Geschichte der Urmenschheit uns der Spiegel unseres
eigenmenschlichen Wesens vorgehalten und zugleich der Weg
gezeigt, auf welchem wir aus menschlicher Unvollkommenheit zu
seliger Vollendung gelangen können.
Die Jugendgeschichte Jesu
Dieses Werk ist eine ausführliche
Neuoffenbarung des im ersten und zweiten Jahrhundert nach
Christus im Umlauf befindlichen, von Jakobus, dem Bruder des
Herrn, über Jesu Kindheit verfaßten sogenannten
Jakobusevangeliums. Diese Evangelium wurde bei der im 4.
Jahrhundert nach Christus erfolgten Feststellung der
kirchengebräuchlichen Schriften durch die Patriarchen von
Alexandria und Rom aus heute unbekannten Gründen als
"apokryph", d.h. unsicheren Ursprungs, bezeichnet und
nicht in die Zahl der heiligen Schriften aufgenommen - eine
Beurteilung, die ja viele Jahrhunderte lang auch der Offenbarung
Johannis, dem Jakobusbriefe und verschiedenen anderen Teilen der
Bibel widerfahren ist. Am 22. Juli 1843 empfing Jakob Lorber, dem
vom Bestehen und Inhalt dieses Evangeliums nichts bekannt war,
die innere Mitteilung, daß ihm die verschollene Schrift des
Jakobus "von der Zeit an, da Joseph Maria zu sich nahm"
wiedergegeben werden solle. Es hieß, Jakobus, ein Sohn
Josephs, habe solches alles aufgezeichnet. Es sei aber mit der
Zeit so entstellt worden, daß es nicht als echt in der
Schrift aufgenommen werden konnte. In 299 Kapiteln schildert das
Werk in schlichter, würdiger Sprache reizvoller, bildhafter
Darstellung die Geburt und Kindheit Jesu so herzerquickend und
lichtvoll, daß kein unvoreingenommener Leser die göttliche
Wahrheit verkennen kann. Die Rätsel der Person Jesu wurden
aufgeklärt, und zugleich bietet das Werk eine lebendige
Schilderung der damaligen Zeiten und Verhältnisse.
Ergreifend ist das geistige Wirken des wunderbaren Kindleins
inmitten vieler Menschen aus allen Ständen und Völkern.
- Mit den in der Berlenburger Bibel überlieferten
Bruchstücken des Jakobusevangeliums steht die Lorbersche
Wiedergabe weitgehend im Einklange.
Das große Evangelium Johannis
Es wird, weil es den Liebegeist des Johannes
atmet und vielleicht auch von diesem hohen Engelsfürsten als
geistigem Mittler inspiriert ist, auch kurz "Johanneswerk"
genannt. Dieses gewaltige Werk, das eine Zusammenfassung und
Krönung der Neusalemslehre darstellt, darf nächst der
Bibel wohl als die bedeutendste Erkenntnisquelle im ganzen
Schrifttum der Welt bezeichnet werden. Wir empfangen darin, gemäß
der Verheißung des Johannes in Kap. 14,26 des biblischen
Evangeliums, eine eingehende und tiefgründige Schilderung
alles dessen, was Jesus in den drei Jahren Seines irdischen
Lehramtes gesprochen und getan hat. Es unterliegt ja gewiß
keinem Zweifel, daß die in Jesus menschgewordene Gottheit
als Lehrer und Erwecker der vielen Tausende, die sich aus allen
Völkern und Ständen lichtsuchend um Ihn drängten,
bedeutend mehr geredet und getan hat als in den Evangelien der
Bibel der Nachwelt überliefert worden ist. Ausdrücklich
wird dies im biblischen Evangelium Johannis ausgesprochen in Kap.
21,25, wo gesagt wird: Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus
(gesagt und) getan hat. Wenn diese alle sollten eins nach dem
andern aufgeschrieben werden, so würde die Welt die Bücher,
die dann zu schreiben wären, nicht begreifen. - Von dem, was
Jesus Seinem gereiften engen Jüngerkreise über Gott,
Schöpfung und Heilsweg offenbarte, konnte wegen mangelnder
Fassungskraft der noch gewissermaßen kindlichen Nachwelt
also nur ein für die damalige Menschheit begreiflicher und
lebenswichtiger Teil überliefert werden, bestehend in einer
einfachen Glaubens- und Liebeslehre. Nach zwei Jahrtausenden erst
entsprach es dem Erziehungsplane der Gottheit, gemäß
der Verheißung in Johannes 14,26, der heutigen und
zukünftigen Menschheit des kommenden Tausendjährigen
Reiches in einer allgemeinen Offenbarung durch Jakob Lorber alles
das von Jesus dem engeren Jüngerkreise Geoffenbarte aufs
neue, und zwar in der tiefsten und umfassendsten Weise, zu
enthüllen. Das hierfür bestehende Bedürfnis muß
ja doch jeder denkende Mensch empfinden, der ersieht, wie die
Menschheit, trotz der großen Verbreitung der alten
biblischen Schriften in unserer Zeit, durch die Wirrnis der
Glaubensanschauungen in den tiefsten Unglauben und das größte
Elend des Materialismus versunken ist, aus dem es offenbar ohne
Gottes klärendes Eingreifen keine Rettung geben kann. Im
großen Evangelium Johannis werden alle Grundfragen des
Lebens von dem sich offenbarenden Geiste Gottes selbst
erhellt. Die Wahrheit, die in den Schriften der Bibel
gleichsam im Samenform gegeben ist, ist im Lorber'schen
Evangelium wie ein Baum mit seiner Krone zu weitausgebreitetem,
blühendem Leben entfaltet. Mit gewaltigem, durchgreifendem
Nachdruck wird der Glaube, "der durch die Liebe tätig
wird" (Paulus Gal. 5,6), als der einzige, in Christo
gültige, wahre Heilsweg enthüllt. Diese "Liebeslehre"
wird begründet und erläutert durch eine höchst
lichtvolle, einheitliche und folgerichtige Gottes- und
Schöpfungslehre, in welcher wir das Doppelgebot der Gottes-
und Bruderliebe als das Grundgesetz alles Lebens im
Schöpfungsreiche Gottes erkennen. In eingehenden Darlegungen
wird sodann das Liebesgesetz dargetan als richtunggebende Norm in
allen Verhältnissen des irdischen Lebens (Ehe,
Kindererziehung, Glaubenspflege, Gesundheitspflege, Berufs- und
Staatsleben). Und schließlich erhellt uns die im großen
Evangelium Johannis gebotenen Jenseitslehre die Weiterentwicklung
nach dem Tode unter dem gleichen Gesichtspunkte der Vollendung in
der reinen, göttlichen Liebe. Diesen ewigen Ur-Inhalt aller
Religion sehen wir in Lehre und Beispiel verkörpert in Jesus
Christus, dem Gekreuzigten, der Sich uns besonders auch in diesem
Hauptwerke der Neuoffenbarung enthüllt als der alliebende,
allweise und allmächtige Schöpfer der Unendlichkeit,
als die Fülle der Gottheit, als Vater, Sohn und Heiliger
Geist, - auf diese Weise der Christenheit einen alleinigen
dreieinheitlichen Gott wiedergebend.
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